Cartagena gilt bis heute als Zentrum der Afro-Kultur in Kolumbien. In der Altstadt verkaufen Künstler bunte Bilder und Portraits – darauf zu sehen sind schwarze Gesichter. Der Einfluss Schwarzer Kolumbianerinnen und Kolumbianer ist hier überall sichtbar – genauso wie das koloniale Erbe.
Aus der offenen Tür einer Kirche im spanischen Kolonialstil dringt Musik. Auf dem Platz vor dem Gotteshaus bindet eine junge Schwarze Frau Turbane, für ein paar Pesos. Sie nennt sich «La Crespa» – «die Krause», so ihr Name auf Tiktok. Während der Sklaverei hätten Schwarze Frauen solche Kopfbedeckungen bei der Feldarbeit getragen, erklärt sie. Heute sei der Turban für sie «ein Stück Identität, ein Symbol des Wandels», man trage ihn «mit Stolz».
Nur wenige Meter entfernt posieren Schwarze Marktfrauen in bunten Kleidern mit Obstschalen auf dem Kopf für Fotos mit weissen Touristinnen und Touristen. Die Bilder sind auf sozialen Netzwerken weit verbreitet und Teil eines Geschäftsmodells. Doch genau darin sehen Kritikerinnen und Kritiker ein Problem.
Zwischen Tourismus und «Reviktimisierung»
Der Historiker Javier Ortiz Cassiani spricht von einem «Prozess der Reviktimisierung». Die Kleidung der Marktfrauen erinnere an jene, die versklavte Frauen einst tragen mussten. Es gebe sogar Fälle, in denen sie für Hochzeiten engagiert würden – als dekoratives Element.
«Als Dekorationsobjekte quasi», sagt Ortiz Cassiani. «Die Schwarzen Frauen bildeten ein Spalier für ein weisses Brautpaar – eine Ehrengasse in Kleidern, wie sie damals ihre versklavten Vorfahren tragen mussten.»
Solche Aufträge nähmen die betroffenen Frauen aus wirtschaftlicher Not an. Damit würden koloniale Abhängigkeiten fortgeschrieben. Denn in Kolumbien ist die afrostämmige Bevölkerung noch immer überdurchschnittlich häufig von Armut betroffen.
Eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte wäre deshalb zentral, so der Historiker. Nur so liessen sich alte Diskriminierungsmuster erkennen und überwinden.
Palenque: Geschichte als gelebte Erinnerung
Ein konstruktiverer Umgang mit der Vergangenheit zeigt sich in San Basilio de Palenque, wenige Autostunden von Cartagena entfernt. Die Siedlung wurde 1603 von entflohenen Sklaven gegründet und gilt als erste freie schwarze Stadt Amerikas. Seit ihrer Anerkennung als immaterielles Kulturerbe durch die Unesco im Jahr 2005 setzt sich die Gemeinschaft intensiv mit ihrer Geschichte auseinander.
«Willkommen in einem Stück Afrika ausserhalb von Afrika», sagt Tourguide Jesus David Puerta von der Organisation «Black Legacy Experiences». Er übersetzt für eine afroamerikanische Touristengruppe, was sein Kollege auf Créole erzählt.
Die Sprache der Einwohner Palenques ist ein Gemisch afrikanischer Sprachen mit Spanisch, Portugiesisch und Französisch. Die Flucht aus Cartagena gelang den Gründern Palenques dank eines Geniestreichs Schwarzer Frauen.
«Die Frauen durften als einzige Schwarze die Häuser der spanischen Kolonialherren betreten, um Kinder zu betreuen, zu kochen und zu putzen. Und sie nutzten diese Gelegenheit, um die Landkarten der Spanier zu studieren», sagt Tourguide Jesus David Puerta.
Sie hätten sich den Verlauf von Flüssen und Bergen eingeprägt und dieses Wissen weitergegeben: «Sie flochten einander Zöpfe, deren Form das widerspiegelte. In der richtigen Reihenfolge gelesen, wurden die Zöpfe zu einer Orientierungshilfe.» Auch Pflanzensamen hätten die Frauen in den Haaren versteckt, um in Palenque etwa mit dem Anbau von Mais ihr Überleben zu sichern.
Bis heute lebt Palenque viele seiner Afrotraditionen weiter – in Sprache, Musik und Ritualen. Dazu gehört auch das Bestattungsritual «Lumbalú». «Unsere Nachbarn sagen, wir seien verrückt, denn wenn in Palenque jemand stirbt, wird gefeiert. Aber wenn ein Baby geboren wird, dann weinen wir», erklärt Puerta.
Und er führt aus, warum: «Wenn jemand aus Afrika starb, tanzte der Rest des Stammes um den Sarg, um zu feiern, dass diese versklavte Seele endlich frei war. Und wenn ein Baby geboren wurde, weinten wir – für die afrikanischen Mütter, denen diese Schwangerschaften auferzwungen wurden, und weil diese unschuldigen Seelen in die Sklaverei hineingeboren wurden.»
Der Besuch in Palenque macht das Trauma der Sklaverei greifbar. Gleichzeitig zeigt er die Widerstandskraft einer Gemeinschaft, die ihre Geschichte bewahrt und selbst erzählt. Während Cartagena noch zwischen Vermarktung und Aufarbeitung schwankt, ist Palenque ein Beispiel dafür, wie Erinnerung auch zur Selbstermächtigung werden kann.