«Ein riesiger Druck lastet auf Ägyptens Führung»

Die erneuten Zusammenstössen zwischen Anhängern und Gegnern des gestürzten Präsidenten Mursi waren fast schon vorprogrammiert. Die beiden Lager stehen sich derzeit unversöhnlich gegenüber. Politologe Khalil Anani fürchtet, dass diese gefährliche Konstellation noch länger anhält.

Der eloquente Politologe der Ahram Foundation ist derzeit ein gefragter Mann: Journalisten von Al Jazeera, CNN und dem «Economist» geben sich derzeit die Klinke in die Hand. Alle möchten von Khalil Anani wissen, wie es derzeit um den Zustand der ägyptischen Muslimbrüder steht.

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Khalil Anani

Khalil Anani

Khalil Anani ist Politologe und Senior Fellow bei der Ahram Foundation in Kairo. Er ist einer der führenden Experten für islamistische Bewegungen.

«Ein riesiger Druck lastet derzeit auf der Führung», sagt Anani. Dieser Druck komme nicht nur von der Armee, den Medien und der Bevölkerung, sondern vor allem auch von innerhalb der Bewegung. Die Einheit könne derzeit nur bewahrt werden, indem sie weiterhin entschlossen für die Wiedereinsetzung Mursis kämpften, auch wenn das mittlerweile ein völlig unrealistisches Ziel sei.

«Die Muslimbrüder sind vom Putsch vollkommen überrumpelt worden und haben keinen Plan B». Zudem sitze ein Teil der Führung mittlerweile im Gefängnis oder verstecke sich vor dem Zugriff der Polizei.

Keine verlässlichen Zahlen

Noch immer könnten die Muslimbrüder auf die Unterstützung eines substantiellen Teils der Bevölkerung zählen. Verlässliche Zahlen existieren dazu nicht. Anani sieht aber Anzeichen dafür, dass die Zahl der Unterstützer derzeit sogar noch wächst. Denn mit ihrem bisher unverhältnismässig harten und blutigen Vorgehen gegen Mursi-Anhänger spielen Armee und Polizei den Muslimbrüder einen wichtigen Trumpf zu: die Opferkarte.

Doch die wachsende Zahl von Sympathisanten und Unterstützern könne an den herrschenden Machtverhältnissen nichts mehr ändern.

Die Gefahr der Muslimbrüder

5:39 min, aus Echo der Zeit vom 26.07.2013

Mursi kehrt niemals zurück

«Das Spiel ist gelaufen», ist der Islamismus-Experte überzeugt. Und: «Mursi wird niemals in den Präsidentenpalast zurückkehren». Dass sich Teile der Armee gegen die Generäle stellen könnten, sei unrealistisch. Der ägyptische Soldat stelle seine Loyalität über seine persönlichen Überzeugungen. Wenn die Spitze der Muslimbruderschaft von einer möglichen Spaltung spreche, dann nur um bei der eigenen Basis die Hoffnung auf eine Rückkehr Mursis am Leben zu erhalten.

Selbst ein sehr brutales und blutiges Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Mursi-Anhänger, würde in der breiten Bevölkerung auf grosse Zustimmung stossen. Das hat die Tötung von über 50 Mursi Anhängern vor dem Hauptquartier der republikanischen Garde vor bald drei Wochen gezeigt.

Derzeit würden Islamisten regelrecht dämonisiert in den ägyptischen Medien, konstatiert Anani. Von Medien notabene, die grösstenteils im Besitz von Figuren des alten Mubarak-Regimes seien.

Die natürlichen Verbündeten der Muslimbrüder, die Salafisten, seien derzeit kein verlässlicher Partner. Die Nourpartei, zweitstärkste islamistische Kraft, droht zwischen Stuhl und Bank zu fallen. Vor vier Wochen schloss sich die Führung der Opposition gegen Mursi an. Seither wenden sich immer mehr Mitglieder ab, ziehen sich aus der Politik zurück oder demonstrieren an der Seite der Muslimbrüder.

«Die Muslimbrüder stehen also mit dem Rücken zur Wand und werden damit zum unberechenbaren Gegner für die neuen Machthaber in Ägypten», analysiert Khalil Anani. Entscheidend sei nun das Verhalten der Armee. Diese müsse ihr bisheriges Verhalten überdenken.

Gesprächsangebote, ohne vorgehaltene Pistole

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Gegen Terroristen vorgehen

Die Armee erhofft sich von der Grosskundgebung ein populäres Mandat, um – wie sie sagt – entschlossen gegen Terroristen vorgehen zu können. So bezeichnet das Militär pauschal die Muslimbrüder. Die Armee hat den Muslimbrüdern zusätzlich ein Ultimatum gestellt: Bis Samstagnachmittag sollen sie sich wieder am politischen Prozess beteiligen.

Die Muslimbruderschaft dürfe nicht weiterhin wie ein bösartiger Tumor behandelt werde, den es zu entfernen gelte. Denn eine Zukunft Ägyptens sei ohne die grösste islamistische Bewegung nicht denkbar: «Es braucht jetzt überzeugende Gesprächs-Angebote, aber nicht wie derzeit mit vorgehaltener Pistole».

Und es brauche vor allem einen Übergang zu einem echten demokratischen System, worin auch Islamisten Platz haben. Denn sonst werde genau das geschaffen, was die Armee derzeit vorgibt zu bekämpfen: nämlich den Terrorismus.

All jenen, die nach dem Sturz Mursi bereits das Ende des Islamismus bejubelten, erteilt Khalil Anani eine deutliche Absage: «Solange sich die konservative und fromme ägyptische Gesellschaft nicht grundlegend verändert, und solange es keine soziale Gerechtigkeit gibt, werden islamistische Bewegungen unvermindert Zulauf haben». Da ist sich Khalil Anani sicher.