«Ein Rückschritt ins 17. Jahrhundert»

Irland ist zutiefst verunsichert vom bevorstehenden Austritt Grossbritanniens aus der EU. John Bruton, in den 1990er-Jahren irischer Premierminister, bezeichnet den Brexit gar als grössten Schaden, den die Engländer Irland seit fast 100 Jahren zugefügt haben.

Im Wohnzimmer seines alten Bauernhauses, umgeben von den Feldern des Familienbetriebs, zieht der heute 69-jährige John Bruton eine überraschende historische Parallele. Die Briten seien 1939 in den Krieg gezogen, um die Unabhängigkeit Polens zu verteidigen, 1914 ging es um Belgien. Und nun, so Bruton, wendeten sie sich gegen Europa, weil Polen und Belgier friedlich in ihrem Land arbeiten wollten. «Das ist ein Rückschritt – nicht ins 19., sondern eher ins 17. Jahrhundert.»

«Ein Riesenfehler»

Und wie reagierte er am Freitag auf das Resultat? Die Engländer hätten einen Riesenfehler gemacht, sagt Bruton. Und dann kommt er auf den Kern: Englands zahlenmässige Übermacht habe das Resultat bestimmt. «In der Vergangenheit haben die Engländer ihre Identität als Zentrum des Empire, dann als Zentrum des Vereinigten Königreichs verstanden.»

Doch seit Schottland eigene Wege ging, brauchte es etwas Englischeres. Aber leider orientiere sich diese Suche nach Identität meist an einem Gegenbild, einem Kontrast. Irland habe sich selbst anfänglich als nicht-englisch definiert. «Die Engländer profilierten sich nun als Gegenbild des europäischen Kontinents.» Man könnte es auch Nationalismus nennen.

Die Konsequenzen für den Friedensprozess

Was sind die Konsequenzen des Brexit auf den nordirischen Friedensprozess – in Anbetracht der Tatsache, dass die Nordiren in der EU bleiben wollten? John Bruton war Taoiseach, Premierminister, als die IRA ihren Waffenstillstand brach und die Londoner City bombardierte. «Der Friedensprozess beruht unter anderem auf der Annahme der Freizügigkeit über die innerirische Grenze, um die Isolation der nordirischen Katholiken zu beenden, die zum Nordirlandkonflikt geführt hat.» Nun sei das eine Aussengrenze der EU.

Stellt sich denn die Frage der irischen Wiedervereinigung neu? In gewissem Sinne ja, gibt Bruton zu, aber die nordirischen Protestanten, die Unionisten, seien nicht bereit. Bei der irischen Wiedervereinigung obsiege die Politik der Identität über die Politik der Vernunft.

«Der grösste Schaden seit 100 Jahren»

Da ist sie wieder, die Identität, der partikulare Nationalismus auf dieser Inselgruppe. Und was bedeutet das alles für den EU-Staat Irland, die ehemalige englische Kolonie? Das Referendum sei nicht bloss selbstzerstörerisch für die Engländer, sondern stelle den grössten Schaden dar, den die Engländer den Iren seit dem Unabhängigkeitskrieg vor 100 Jahren zugefügt hätten.

Und was muss Irland jetzt tun? Bruton fordert einen Ausbau der irischen Diplomatie, bis in die deutschen Bundesländer hinein, dasselbe für Frankreich, Italien, Spanien, Polen. Denn im Verbund mit diesen Ländern liege Irlands Zukunft.