Tories auf dem Vormarsch Eine blaue Sturmflut über Wales?

Seit 100 Jahren ist das Land in Labour-Hand. Doch das könnte sich am 8. Juni ändern. Ein Augenschein in Bridgend.

Eine Bogenbrücke aus Stein, die von einem alten Mann überquert wird. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das südwalisische Städtchen Bridgend verdankt seine Existenz einer Steinbrücke, die seit 1425 über den Ogmore führt. Getty Images

Die blaue Welle begann im Juni vor einem Jahr: Die letzte Labour-Hochburg, Wales, stimmte für den Brexit. Anfang Mai legten die Konservativen bei den Kommunalwahlen zu, wobei die Labour-Partei ihre Verluste noch begrenzen konnte. Ob ihr das bei der von Premierministerin Theresa May ausgerufenen Neuwahl des Unterhauses vom 8. Juni noch gelingen wird, ist höchst fraglich.

Eine von Läden gesäumte gepflasterte Strasse und nur wenige Leute. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Auch in der Fussgängerzone an der Caroline Street zeigt sich: Bridgend ist heute eine Schlafstadt. ZVG

Im südwalisischen Städtchen Bridgend hat sie vor einem Monat bereits ihre absolute Mehrheit im Gemeinderat verloren. In der schäbig wirkenden Caroline Street ärgert sich Allan. Die Labour-Partei sollte sich um die Arbeiter kümmern, um Arbeitsplätze und Wohlstand, wie er sagt. «Aber Labour will davon nichts wissen. Da braucht man nur Bridgend anzuschauen.»

Allan ist überzeugt, dass das nicht nur für Wales, sondern für ganz Grossbritannien gilt. «Labour will alles ruinieren.» Das ist ein strenges Urteil in einem Wahlkreis, der im walisischen Parlament von Chefminister Carwyn Jones vertreten wird.

Zwei Metzgereien im Vordergrund und ein Teppichstand im Hintergrund. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Im gedeckten Markt von Bridgend mutmasst man über einen Sieg der Tories – aus Verdruss über Labour. ZVG

Im gedeckten Markt von Bridgend verkauft Eileen Geschenkbänder in allen Farben und Materialien. Sie prognostiziert vorsichtig, dass die Tories vom Überdruss mit Labour profitieren könnten. «Weil die Leute von Labour desillusioniert sind.»

Die eigentlichen Kandidatinnen – die Titelverteidigerin Madeleine Moon für Labour und die Konservative Karen Robson – machen sich rar. Aber der frischgebackene konservative Gemeinderat, der 26-jährige Tom Giffard, kommt zum Gespräch in eine Wohnsiedlung im Stadtteil Brackla.

Eine Frau montiert einen Motor im Ford-Werk von Bridgend. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Immer weniger Bridgender arbeiten in Fabriken. Erst im März gab das Ford-Werk den Abbau von 1100 Stellen bekannt. ZVG

Obwohl die Firma Ford hier immer noch Motoren baue, sei die Gegend post-industriell, stellt Gemeinderat Giffard fest. Früher hätten die Leute mehrheitlich in Fabriken gearbeitet. Heutzutage sei Bridgend immer mehr eine Pendlerstadt für Cardiff und Swansea.

«Die Zusammensetzung der Bevölkerung hat sich verändert», stellt Giffard fest. Und er ist überzeugt, dass die konservative Premierministerin Theresa May unter diesen Schichten mehr Resonanz als Labour und Jeremy Corbyn findet.

May erhöht und von Anhängern umringt, die Transparente mit ihrem Wahlkampfmotto hoch halten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: May macht Wahlkampf im Bridgender Stadtteil Brackla und stösst unter den neuen Schichten auf Resonanz. Reuters

Doch diese Wahl sei speziell. «Es geht dabei definitiv um den Brexit. Eine Stimme für die konservative Kandidatin stärkt Mays Verhandlungsposition in Brüssel», betont Giffard.

Das ist der konservative Kehrreim dieser Wahl, und er wird durch die ständige Wiederholung nicht plausibler. Giffard meint auch – ebenso wenig überraschend – Labour habe die Bodenhaftung verloren.

Frauen, Männer und Kinder tragen blaue Transparente mit der Aufschrift «Welsh Conservatives». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Tom Giffard (6.v.l) und seine Konservativen luchsten Labour vor einem Monat die absolute Mehrheit im Gemeinderat ab. Twitter, Tom Giffard

Aber profitieren seine Konservativen nicht einfach vom Kollaps der fremdenfeindlichen Ukip-Partei? Der junge Gemeinderat widerspricht: «Der konservative Zuwachs besteht nicht bloss aus Ukip-Wählern, sondern auch aus direkten Überläufern von Labour.»

Porträtaufnahme Scullys. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Roger Scully, Politologe an der Uni Cardiff, rechnet in Bridgend mit einem komfortablen Sieg der Konservativen. ZVG

Das mag durchaus stimmen, doch für exakte Angaben steht Roger Scully bereit, der an der Uni Cardiff Politik unterrichtet. «Labour hat jede britische Wahl in Wales seit 1922 gewonnen.» Doch jetzt soll alles anders sein.

Gilt das auch für Bridgend? Dort haben die Tories den Sitz letztmals in Margaret Thatchers Erdrutschsieg von 1983 nach dem Falklandkrieg gewonnen, wie Scully sagt.

Er ist überzeugt, dass die Konservativen Bridgend am 8. Juni gewinnen werden, und zwar «quite comfortably», wie er sagt. Gewinnen könne Labour nur noch unter dem eigenständigen walisischen Banner, wie die jüngsten Kommunalwahlen gezeigt haben.

Corbyn spricht vor Anhängern in Wales, die rote Transparente mit der Aufschrift «Welsh Labour» hochhalten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sogar in Wales, der letzten Labour-Hochburg, wählt man lieber für May, als für Labour-Chef Corbyn. Getty Images

National sieht Scully diesen Wahlkampf aber auf die Alternative Theresa May oder Jeremy Corbyn zugespitzt. «Konfrontiert mit dieser Auswahl haben die Konservativen selbst in Wales, der alten Hochburg von Labour, die Oberhand.»

Meinungsumfragen geben den Tories mehr walisische Abgeordnete als Labour – zum ersten Mal überhaupt. Wales wird blau.

Bildlegende:Selbst in der linken Hochburg Wales wenden sich die Wähler von Labour ab, so etwa in Bridgend. SRF