«Eine Figur wie Bin Laden kennt der IS nicht»

Er galt als das Gesicht des Terrornetzwerks Al Kaida: Osama Bin Laden. Fünf Jahre nach seinem Tod identifiziert sich keine Terrororganisation mehr mit einer einzelnen Person. Sie nutzen andere Symbole, wie SRF-Auslandredaktor Fredy Gsteiger sagt.

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Vor fünf Jahren haben Elitesoldaten der US-Armee in Pakistan die Residenz von Osama Bin Laden gestürmt und ihn getötet. Er war für die Terroranschläge vom 9. September 2001 verantwortlich und galt als meistgehasster Feind der USA.

SRF News: Warum kennt der sogenannte «Islamische Staat» (IS) keine Identifikationsfigur wie die Terrororganisation Al Kaida mit Osama Bin Laden?

Fredy Gsteiger, SRF-Auslandredaktor: Auch der IS hat eine Identifikationsfigur: den Chef der Terrororganisation, Abu Bakr al-Baghdadi. Allerdings ist er viel weniger sichtbar, tritt kaum öffentlich auf und hält selten Reden. Das hängt einerseits damit zusammen, dass öffentliche Auftritte immer ein Risiko bedeuten und Baghdadi primär überleben will. Andererseits ist der IS anders strukturiert als Al Kaida.

Worin bestehen diese strukturellen Unterschiede?

Der IS ist viel grösser als Al Kaida. Er kontrolliert ein beachtliches Territorium im Irak und in Syrien. Die Führung ist breit abgestützt. Baghdadi ist eine wichtige Figur. Es gibt aber andere wichtige Personen, beispielsweise aus dem früheren Umfeld des irakischen Diktators Saddam Hussein. Generäle und Bürokraten spielen eine wichtige Rolle im IS. Al Kaida hingegen wurde im Wesentlichen durch die Symbolfigur Bin Laden zusammengehalten.

«  Die Symbolik beim IS besteht aus der schwarzen Flagge, aus inszenierten Morden, aus Bildern von Männern in Jeeps, die Kalaschnikows schwenken, oder aus Musik.  »

Terrororganisationen wurden in der Vergangenheit oft durch eine Symbolfigur repräsentiert. Brauchen heutige Terrororganisationen denn kein Gesicht mehr?

Hören Sie hier das ganze Gespräch mit Fredy Gsteiger

3:53 min, aus SRF 4 News aktuell vom 02.05.2016

Symbolik ist für all diese Organisationen wichtig. Sie muss aber nicht unbedingt durch eine einzelne Person verkörpert werden. Die Symbolik beim IS besteht beispielsweise aus der schwarzen Flagge, aus den inszenierten Morden, aus Bildern von Männern in Jeeps, die Kalaschnikows schwenken, oder aus Musik. Die Anführer hingegen sind weniger sichtbar. Das ist auch bei anderen Terrororganisationen wie Boko Haram in Nigeria oder Al-Schabaab in Somalia so.

Bin Laden trat in etwas körnigen Videos auf, um zum Kampf gegen die USA aufzurufen. Der IS akquiriert seine Anhänger via Soziale Medien. War Bin Laden gewissermassen ein Vorbild für den Auftritt heutiger Terrororganisationen?

In gewisser Weise war er das. Denn Al Kaida merkte, dass sie mit im Internet verbreiteten Bildern weltweit eine grosse Wirkung erzielen kann, und das hat der IS übernommen. Bei Bin Laden handelte es sich aber immer um das gleiche Bild und die gleiche Botschaft, die er in einem etwas wackeligen und dilettantisch angefertigten Video verbreitete.

Hören Sie hier das Gespräch mit Guido Steinberg

4:15 min, aus SRF 4 News aktuell vom 02.05.2016

Die Wirkung dieser Botschaften nahm mit der Zeit ab.

Ja, und der IS geht in seiner Propaganda nun weit darüber hinaus: Sein Auftritt im Internet ist aktiver und professioneller. Beim IS gibt es Experten für Bildsprache und Online-Auftritte. Viele Videos dieser Terrororganisation erinnern vom Stil her an Hollywood-Filme. Offenbar sind die jungen Menschen, die der IS rekrutieren will, punkto Bildsprache im Internet anspruchsvoller geworden.

Islamwissenschafter Guido Steinberg zur Bedeutung von Al Kaida

Das Terrornetzwerk Al Kaida ist auch fünf Jahre nach dem Tod von Osama Bin Laden noch präsent. Verschiedene mit Al Kaida verbundene Terrororganisationen wie Al Schabaab in Somalia, die jemenitische Al Kaida oder die Al-Nusra-Front in Syrien, verfolgen eine ähnliche Strategie, die ganz offensichtlich Vorgaben des heutigen Al-Kaida-Chefs entsprechen.

Sie alle suchen nach Verbündeten, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Zu oberst auf der Liste der Prioritäten steht der Kampf gegen die Amerikaner, an zweiter Stelle der Kampf in ihren jeweiligen Herkunftsgebieten. Aber auch das Ziel, einen islamischen Gottesstaat zu errichten, verfolgen sie.

Ein gutes Beispiel ist Al Kaida in Afghanistan: Dort pflegt die Organisation seit 20 Jahren ihr Verhältnis zu den Taliban. In dem Land ist sie auch nicht mehr weit von ihrer Vorstellung eines islamischen Gottesstaates entfernt.

Klar ist es Al Kaida nicht möglich, alles von der Zentrale in Pakistan aus zu kontrollieren. Es kommt immer wieder zu kleinen Abweichungen unter den verschiedenen Organisationen. Dennoch und trotz den Bekämpfungsmassnahmen der USA und der dschihadistischen Konkurrenz, gelingt dem Terrornetzwerk ein gemeinsames Handeln. Al Kaida muss ernst genommen werden, die Organisation stellt weiter eine Gefahr für ihre Herkunftsländer und für Europa sowie den Westen insgesamt dar.