Erdogan hat nichts zu befürchten

Der islamisch-konservative Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan geht am Sonntag als klarer Favorit in die erste direkte Präsidentenwahl der Türkei. Wieso er so fest im Sattel sitzt, erklärt SRF-Auslandredaktorin Iren Meier.

SRF: Was sagen die Umfragen, wird Erdogan morgen gewählt?

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Erste direkte Präsidentenwahl

Rund 53 Millionen Bürger in der Türkei sind zur Wahl aufgerufen. Am Sonntagmorgen öffneten die Wahllokale. Erstmals durften zudem bereits 2,8 Millionen Auslandstürken ausserhalb der Türkei abstimmen. Davon machten aber nur 8,3 Prozent Gebrauch. Sollte kein Kandidat eine absolute Mehrheit erzielen, ist für den 24. August eine Stichwahl geplant.

Die Umfragen sagen alle denselben Trend voraus: Premier Erdogan werde direkt in der ersten Runde zum Präsidenten gewählt. Das würde bedeuten, er bekäme mindestens 51 Prozent der Stimmen.

Hat die Opposition also keinen Kandidaten gefunden, der Erdogan ernsthaft gefährlich werden könnte?

Die beiden grössten Oppositionsparteien, die Sozialdemokraten und die rechten Nationalisten, haben zwar mit dem Diplomaten, Ekmeleddin Ihsanoglu, einen integren Kandidaten aufgestellt. Er kommt aber nicht an die Popularität Erdogans heran. Der dritte Kandidat, der Kurde Selahattin Demirtas, findet zwar grosse Beachtung, weil er sich als junger progressiver Politiker für die Einheit der Türkei einsetzt. Und es ist an und für sich eine kleine Revolution, dass überhaupt ein Kurde für das Präsidentenamt kandidiert. Doch auch Demirtas wird Erdogan nicht gefährlich werden können.

Premier Erdogan hat mit seiner islamisch-konservativen Regierungspartei AKP vor allem auf dem Land – im Herzen Anatoliens – eine sehr grosse und sehr treue Anhängerschaft. Diese neue anatolische Mittelschicht, der er in den letzten elf Jahren Wohlstand gebracht hat. Das ist die Basis seiner Wähler.

Wenn bereits klar ist, dass Erdogan die Präsidentenwahl höchstwahrscheinlich gewinnt, gehen die Leute denn überhaupt an die Urne?

Das wird sich zeigen. Es sind Sommerferien in der Türkei. Viele sind bei dieser Hitze am Meer. Zusätzlich trifft man relativ viele, vor allem auch jüngere Leute, die nicht wählen wollen. Sie sagen: Man könne Erdogan sowieso nicht verhindern.

Ob das ein Trend ist oder nur ein zufälliger Eindruck ist, kann man noch nicht sagen. Es ist das erste Mal, dass der Präsident direkt vom Volk gewählt wird. Bisher fehlen entsprechende Erfahrungswerte.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge