«Es geht nicht nur um die Wehrpflicht»

Die Empörung unter Israels Ultrareligiösen ist gross: Das israelische Parlament hat beschlossen, dass auch sie Militärdienst leisten sollen. Das Gesetz betrifft Zehntausende junger Männer. Doch sie werden nur gestaffelt eingezogen – und können wahlweise Ersatzdienst leisten.

Religiöse Juden protestieren, Alte, Junge, Kinder. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die ultraorthodoxen Juden wehrten sich mit Protestaktionen gegen die Dienstpflicht. Reuters

SRF: Wer hat denn ein Interesse daran, dass auch Ultraorthodoxe Wehrpflicht leisten müssen?

Gisela Dachs: Die Mehrheit der israelischen Gesellschaft. Sie will nicht mehr allein die Last im Land tragen. Damit ist nicht nur die Armeelast gemeint, sondern auch Fragen wie Steuern oder wer subventioniert wird und wer nicht.

Mit dem Einzug in die Armee soll auch eine stärkere Integration der Ultraorthodoxen in die israelische Gesellschaft gewährleistet sein. Es geht also nicht nur um die Wehrdienstpflicht, die in der israelischen Gesellschaft schon länger gefordert wird.

Rund 80'000 ultraorthodoxe Juden sind derzeit von der Wehrpflicht befreit. Ab wann gilt es für sie nun ernst?

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Zur Person

Die Journalistin Gisela Dachs lebt seit 20 Jahren in Tel Aviv. Sie schreibt für «Die Zeit» und den «Tages-Anzeiger».

Die Kritiker des Gesetzes weisen darauf hin, dass das Gesetz viel zu langsam und graduell in Kraft gesetzt wird. Ebenfalls kritisiert wird, dass die Männer erst mit Mitte 20 einberufen werden – im Gegensatz zu den anderen Israelis, welche die dreijährige Dienstzeit bereits mit 18 Jahren antreten.

Auch gibt es die Möglichkeit, statt Armeedienst, einen zivilen Ersatzdienst zu leisten. Diese Möglichkeit haben säkulare Juden nicht. Hintergrund für diese Sonderbehandlung ist, dass man die Orthodoxen nicht vor den Kopf stossen und damit vergrämen, sondern integrieren will.

Damit wirkt das Gesetz doch ziemlich zahnlos, weil kaum ein Ultraorthodoxer in die Armee gehen wird. Weshalb spricht man dennoch von einem historischen Entscheid?

Man hat ein Gesetz geändert, das bei der Staatsgründung verfasst worden ist. Damals wollte man es den wenigen überlebenden religiösen Juden nach dem Holocaust ermöglichen, sich fernab eines Schlachtfelds dem religiösen Studium der Thora zu widmen. Damals betraf dies aber nur wenige Hundert religiöse Juden, während es heute um Zehntausende geht, die nun eingezogen werden können. Heute sind 32 Prozent der Erstklässler ultraorthodoxe Juden. Deshalb muss man alles dafür tun, sie in den Arbeitsmarkt und in die Armee zu integrieren, um die Gesellschaft zusammenzuhalten.

Das Interview führte Danièle Hubacher

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