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Legende: Eine behelfsmässige Unterkunft von Flüchtlingen in Serbien, an der ungarischen Grenze. Keystone
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International «Es gibt sogar mehr Leute, die auf Schlepper warten»

Offiziell ist die Route über den Balkan für Flüchtlinge geschlossen. Trotzdem sind noch immer Tausende zwischen der Türkei und Westeuropa unterwegs. Das Geschäft der Schlepper habe sich ein bisschen verändert, aber es floriere immer noch, sagt der Experte für Schlepperwesen, Gerald Tatzgern.

SRF News: Wie erklären Sie sich, dass wieder mehr Flüchtlinge die Balkanroute wählen?

Gerald Tatzgern: Die Balkanroute ist nicht so geschlossen, wie man meinen mag. Es finden sich immer Wege, Menschen in die Zielländer zu bringen. Wir sehen starke Aktivitäten von der Türkei aus direkt nach Bulgarien, wo immer wieder Personen aufgegriffen werden und wo Schlepper aktiv sind.

Menschen werden angehalten, oft unter die Ladefläche eines Lastwagens zu klettern, um unter sehr gefährlichen Verhältnissen weiterzukommen. Dann geht es weiter auf der Route Richtung Serbien. Auch hier sehen wir eine erhöhte Zahl von aufgegriffenen Migranten und auch, dass kriminelle Gruppierungen sehr stark sind. Nach wie vor ist diese Route von Serbien nach Ungarn aktiv, die letzten zwei drei Tage zeigen allerdings, dass sich die Ungarn sehr stark machen, um die Grenze dicht zu halten. Trotzdem, sollte man Ungarn erreicht haben, geht es weiter nach Österreich und dann vielleicht in die Schweiz oder nach Deutschland.

Das heisst, alle, die derzeit auf dieser Route unterwegs sind, sind mit Schleppern unterwegs?

Nur teilweise. Sie holen sich Ratschläge, bezahlen dafür, oder sie werden mit Schlepperunterstützung durchgeführt. Um Kosten zu sparen versuchen sie dann, auf eigene Faust vorwärts zu kommen. Lastwagenfahrer erzählen uns, dass sie von anderen Fahrern angehalten werden, weil diese Beine und Schuhe unter ihrem Lastwagen während der Fahrt entdeckt haben.

Lastwagenfahrer erzählen uns, dass sie von anderen Fahrern angehalten werden, weil diese während der Fahrt unter ihrem Lastwagen Beine und Schuhe entdeckt haben.

Das klingt sehr gefährlich. Machen die geschlossenen Grenzen die Route auch teurer?

Wir vermuten, dass die Preise im Grunde gleichgeblieben sind. Nur versuchen die Schlepper je nach Abschnitt, ihre Preise hochzuhalten. In gewissen Fällen sollten Leute nur zehn oder zwanzig Kilometer geschleppt werden. Aber die Schlepper machen bewusst Umwege, um die Strecke länger zu halten, um mehr zu verdienen.

Was sind die Auswirkungen, wenn Ungarn die Grenzen noch dichter macht und viele Flüchtlinge in Serbien stranden. Kreiert das ein Eldorado für Schlepper?

Serbien ist für uns ein Hotspot. Dort haben sich Schlepperorganisationen seit längerem breitgemacht. Es kann die Auswirkung haben, dass Richtung Osten, sprich Richtung Rumänien, dann vielleicht Richtung Ungarn, vielleicht in die Slowakei geschleppt werden kann. Wir haben bereits Einzelfälle, die über Kroatien und Slowenien nach Österreich geschleppt worden sind.

Es ist Ihnen in den letzten Tagen zusammen mit Kollegen aus Polen, Deutschland und Ungarn gelungen, einen Schlepperring auszuheben. Der Ring hat 1000 Personen geschmuggelt. Haben Sie dabei neue Erkenntnisse gewonnen, wie eine solche Bande funktioniert?

Ja. Auch nach 15 Jahren Erfahrung kann man jeden Tag noch etwas dazulernen. Oftmals sind Schlepper mit scharfen Schusswaffen bewaffnet. Die Waffen brauchen sie aber nicht gegen Sicherheitsorgane. Sie sind dazu da, um die Geschleppten selbst im Zaun zu halten. Das haben wir bei dieser Aktion gelernt.

Das zweite ist, dass nach wie vor Begleitfahrzeuge oder Vorausfahrzeuge benutzt werden. Besonders dreist war, dass es eine so genannte Konvoi-Schleppung gab. Fünf Fahrzeuge fuhren mit überhöhter Geschwindigkeit hintereinander. Und alle waren mit geschleppten Personen besetzt.

Letztes Jahr kam rund eine Million Flüchtlinge über die Balkanroute, dieses Jahr sehr viel weniger. Ist das Schlepperwesen also zurückgegangen?

Nein, das Schlepperwesen selbst nicht. Es hat sich nur verändert. Die Schleppungswilligen sind aus meiner Sicht sogar mehr geworden gegenüber dem Vorjahr. Denn sehr viele Personen im afrikanischen Kontinent sind Richtung Nordafrika unterwegs und viele von ihnen warten darauf, geschleppt zu werden.

Anderseits wirken die Massnahmen gegen Schlepper. Die Schlepper ziehen sich deshalb etwas zurück, indem sie die Migranten auf eigene Faust grössere Teilabschnitte bewältigen lassen. In Österreich sehen wir immer wieder, dass die Leute zwar geschleppt worden sind, aber teilweise orientierungslos in Österreich herumgehen oder -fahren und nicht wissen, wie es weitergeht.

Das Gespräch führte Roman Fillinger.

Gerald Tatzgern

Gerald Tatzgern

Der Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung der Schlepperkriminalität und des Menschenhandels arbeitet im österreichischen Bundeskriminalamt in Wien. Er ist ausserdem Verfasser von mehreren Büchern über Kinderhandel.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Christophe Bühler  ((Bühli))
    Interessanter Artikel folgere daraus: Bei einer Politik wie in Australien gibt es praktisch keine Schlepper. Europa und die Schweiz müsste alle die illegal einreisen umgehend zurücksenden, das gilt auch für Wassertaxis. Die momentane Belohnung mit vorläufigem Aufenthalt, Asyl, Bleiberecht, scheint absurd, nicht verfassungskonform, diskriminiert positiv Einheimische. Da ist die Politikerkaste falsch gewickelt. Es gibt kein Recht auf freie Wahl des Asyl-Aufenthaltslandes.
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    1. Antwort von Ursula Schüpbach  (Artio)
      "Bei einer Politik wie in Australien gibt es praktisch keine Schlepper." Nein, sicher nicht. http://www.srf.ch/news/international/australisches-jugendgefaengnis-unter-folterverdacht
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  • Kommentar von Jürg Sand  (Jürg Sand)
    "Was sind die Auswirkungen, wenn Ungarn die Grenzen noch dichter macht und viele Flüchtlinge in Serbien stranden. Kreiert das ein Eldorado für Schlepper?" Welch suggestiver Satz, ein regelrechter Steigbügel auf die erwartete Meinung. Schön, wenn einer die bitter notwendige "Drecksarbeit" macht, die man versäumt und dann ver(be)hindert hat, er Gesetz und Ordnung mühsam aufrecht hält, die EU vor dem endgültigen Kollaps rettet und man weiter den Schulmeister spielen kann.
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  • Kommentar von Ursula Schüpbach  (Artio)
    "Schlepper" ersetzen oft ordentliche u. wichtige ÖV-Dienste. Was meint man in Europa eigentlich, wie es in Bürgerkriegsländern denn mitunter sonst noch möglich sein solle da rauszukommen? Mag keine Details nennen. Aber aktuelles Beispiel Burundi: Meinen manche etwa, sie könnten da in jedem Fall noch einen "normalen" Bus nehmen, ohne von manchen Milizen des aktuellen "Präsidenten" Burundis nicht bedroht zu werden? Meinen manche etwa, dann gäbe es noch Tarifverhandlungen im Transportwesen?
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