«Europa droht ein Krieg und den will Merkel verhindern»

Die sonst so zurückhaltende Angela Merkel ist in den vergangenen Tagen als Kämpferin für den Frieden angetreten. Entschlossen drängt sie auf eine politische Lösung im Ukraine-Konflikt. Casper Selg, Deutschland-Korrespondent von SRF, erklärt, was die vermeintliche Putin-Versteherin antreibt.

Kanzerlin Merkel bei einer Rede im Kanzeramt am 6. Februar, im Rücken der Bundesadler Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In gewohnter Pose: Seit geraumer Zeit drängt Kanzlerin Merkel auf eine friedliche Lösung im Ukraine-Konflikt. Keystone

SRF News: Erleben wir hier eine «neue» Merkel?

Casper Selg: Wir erleben sicher eine andere, eine kämpferische Merkel, die nicht aufgeben will. Das scheint ihrem eher ruhigen Naturell zu widersprechen. Aber das muss es nicht.

Warum tritt sie denn gerade jetzt so kämpferisch auf?

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Casper Selg

Casper Selg

casperselg.ch

Seit mehr als 35 Jahre ist Casper Selg Journalist. Er leitete das «Echo der Zeit» und war Radio-Korrespondent in den USA und nach 2010 in Berlin. Seit seiner Pensionierung im Sommer 2015 arbeitet er als freier Journalist und Ausbildner. Er ist Mitglied des Schweizer Presserates.

Weil ein Krieg in Europa droht – ein Krieg, den sie verhindern will. Sie ist und war sich immer bewusst, dass Deutschland als wirtschaftlich stärkstes Land in Europa mit dieser Stärke auch eine Verantwortung trägt. Man will diese Rolle zwar möglichst zurückhaltend spielen. Deutschland will siebzig Jahre nach Kriegsende auf keinen Fall wieder dominierend auftreten. Aber in der jetzigen Situation ist Merkel klar, dass die Grossen auch grosse Verantwortung tragen. Im Übrigen sieht das auch der französische Präsident François Hollande so, der britische Premier David Cameron interessanterweise viel weniger.

Man sagt: Wenn jemand einen Draht zu Wladimir Putin hat, dann Angela Merkel. Stimmt das?

Angela Merkel bei ihrer «Diplomatie-Offensive» in Moskau am 6. Februar 2015 Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Merkel, die Putinversteherin? Ein medial oft bemühtes Bild, das näherer Betrachtung nicht Stand hält. Keystone

Sie selber staunt immer wieder, wenn sie danach gefragt wird. Es werden ja beispielsweise immer wieder ihre Russisch-Kenntnisse hervorgehoben. Sie staunt nicht nur, weil Putin perfekt deutsch und leidlich englisch spricht – er könnte ja auch mit anderen reden. Sie staunt auch, weil sie in der DDR einer schwierigen Situation aufgewachsen ist. Ihr Vater war eine exponierte Figur in der evangelischen Kirche, was immer wieder zu heiklen Situationen führte. Und da ist ein führender Sowjet-Geheimdienstler, wie Putin es in Dresden war, sicher nicht der geborene Freund. Sie hat zu ihm, wie zu fast allen anderen Politikern, ein kühl-korrektes Verhältnis. Wobei sie bisweilen erkennen lässt, dass auch sie – trotz aller Gespräche – Mühe hat zu verstehen, was Putin umtreibt.

Merkel will sich also in Minsk für Frieden in der Ostukraine einsetzen. Da stellt sich umgekehrt die Frage: Hat sie in der Vergangenheit alles getan, um diese Krise, diesen Krieg zu verhindern?

Das ist sehr umstritten. Sie hat Russland gegenüber über die ganze Zeit eine eher harte Linie gefahren. Zwar hat Merkel generell für ein gutes Verhältnis zu Russland plädiert, weil es politisch, wirtschaftlich und kulturell wichtig sei. Aber sie hat beispielsweise das Angebot eines Assoziierungsabkommens mit der EU mitgetragen. Und sie hat das amerikanische Drängen nach einem Raketenabwehrschild in Polen gestützt. Wenn man davon ausgeht, dass solche Schritte Russland in die Enge getrieben und damit den jetzigen Konflikt vorbereitet hätten, müsste man sagen: Sie hat die Folgen dieser unnachgiebigen Politik nicht richtig eingeschätzt. Nur muss man dann konsequenterweise auch fragen, was die Folgen einer anderen Politik gewesen wären?

Zum Schluss: Wie kommt das Engagement Merkels bei den Deutschen an?

Grundsätzlich gut. Man streitet natürlich darüber, ob die bisherige Politik richtig war. Manche sagen, Merkel zögere auch jetzt wieder zwischen einer harten Linie und der Option, direkt auf Putin zuzugehen. Etwa bei der Frage, Waffenlieferungen an die Ukraine zu unterstützen, sehen Kritiker sie am Lavieren. Aber eine grosse Mehrheit der Deutschen findet ihren Einsatz bis zum Letzten, eine Einigung zu finden, gut.

Das Gespräch führte Simon Leu.

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