Ex-Islamistenführer wegen Kriegsverbrechen verurteilt

Späte Genugtuung für die Opfer des Unabhängigkeitskriegs in Bangladesch vor über 40 Jahren: Ein Sondergericht hat den früheren islamistischen Parteiführer Ghulam Azam wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 90 Jahren Haft verurteilt. Parteianhänger reagierten mit wütenden Protesten.

Früherer Islamistenführer Ghulam Azam wird im Rollstuhl in Dhaka ins Gericht geführt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der ehemalige Islamistenführer Ghulam Azam: Kriegsverbrechen im Unabhängigkeitskrieg von 1971. Keystone

Das Kriegsverbrechertribunal in Dhaka hat das Urteil gegen seinen prominentesten Angeklagten gesprochen. Der heute 90-jährige Ghulam Azam war beschuldigt, im Unabhängigkeitskrieg 1971 Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben. Er war damals Anführer der Partei Jamiaat-e-Islami.

In allen Punkten schuldig gesprochen

Kaum eine Regung war auf Ghulam Azams Gesicht mit dem weissen Bart zu sehen, als er im Rollstuhl das Urteil entgegennahm. Völkermord und Folter von unbewaffneten Zivilisten waren nur einige der Anklagepunkte. Die Richter sprachen ihn in allen Punkten schuldig und verurteilten ihn zu 90 Jahren Haft. Nur sein Alter und seine Gebrechen retteten ihn vor dem Strang.

Ghulam Azam ist der fünfte von 12 Angeklagten vor dem Kriegsverbrechertribunal. Die Verbrechen liegen mehr als 40 Jahre zurück. Damals trennte sich Bangladesch in einem blutigen Krieg von Pakistan. Die Jamiaat-e-Islami Partei wollte dies verhindern und beging zusammen mit der pakistanischen Armee schlimmste Greueltaten.

Proteste nach dem Urteil

Die Anhänger der Jamaat-e-Islami Partei reagierten mit Protesten und Strassenschlachten auf das Urteil und riefen zum Streik auf. Sie forderten die sofortige Freilassung von Ghulam Azam und der anderen angeklagten Parteiführer. Laut den Anhängern ist der Prozess rein politisch motiviert.

Das Kriegsverbrechertribunal war 2010 von der regierenden Premierministerin Sheikh Hasina und ihrer Partei, der Awami League, ins Leben gerufen worden. Auf der Anklagebank sitzen nur führende Mitglieder der Oppositionsparteien. Beinahe die Hälfte der Angeklagten wurde seit Januar zu lebenslanger Haft oder zum Tode verurteilt. Eine geschwächte Opposition kann der regierenden Sheikh Hasina nur recht sein. Im kommenden Jahr finden Wahlen statt.

Millionen von Zivilisten umgebracht

Das heutige Bangladesch war nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft 1947 zunächst ein Teil Pakistans geworden. 1971 erkämpfte es sich in einem neun Monate langen Krieg mit indischer Unterstützung die Unabhängigkeit. Schätzungsweise drei Millionen Zivilisten wurden von pakistanischen Kräften und ihren Kollaborateuren ermordet, rund 200‘000 Frauen vergewaltigt.