Experte: «Facebook wählt die News nicht neutral aus»

Facebook soll laut Insidern bei den News-Storys manipuliert haben. Als User ist man der Willkür von Konzernen wie Facebook und Google ausgeliefert. Felix Stalder, Professor für Digitale Kultur an der Zürcher Hochschule der Künste sagt, warum es eine Kontrolle über Facebook und Google braucht.

Ein Reisverschluss von Facebook. Der Algorithmus dahinter wird versteckt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die grossen englischsprachigen Medien sind die zentralen Bewerter der News, die Facebook als relevant einschätzt. Keystone

SRF News: Bei Facebook oder Google bestimmt ein Algorithmus, welche Nachrichten erscheinen. Ist das nicht neutral?

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Zur Person

Felix Stalder ist Dozent im Studienbereich Neue Medien an der Zürcher Hochschule der Künste. Sein Schwerpunkt ist Medienökonomie. Zuvor beschäftigte er sich mit Fragen der Überwachung. Nebst seiner akademischen Tätigkeit ist Stalder Mitbegründer von Openflows, einem international Open Source Forschungs- und Entwicklungsnetzwerk.

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Manipuliert Facebook gezielt?

Millionen von Menschen informieren sich nur noch auf sozialen Medien wie Facebook. Kürzlich wurde bekannt: Das Unternehmen soll über seinen News-Kanal – über die Anwendung «Trending Topics», die nur in den USA verfügbar ist – konservative Berichte unterdrückt haben. CEO Mark Zuckerberg bestritt dies.

Felix Stalder: Ein Mechanismus, der auswählt, der sagt, was wichtig und was unwichtig ist, ist grundsätzlich nicht neutral. Es stehen gewisse Annahmen, gewisse Werte hinter einem Algorithmus. Bei Facebook, bei den «Trending News» beispielsweise, da wurden gewisse Medien ausgewählt. Wenn also eine Nachricht nicht in den grossen englischsprachigen Medien wie CNN, The Guardian, BBC oder Ähnlichen auftaucht, dann sieht Facebook die nicht als wichtig an. Hier wird also angenommen, dass die grossen englischsprachigen Medien die zentralen Bewerter der News sind.

Zu diesen zehn Leitmedien gehören liberale wie auch konservative Blätter wie das «Wallstreet Journal» oder der konservative US-Sender «Fox News». Was ist daran nicht neutral?

In den letzten zehn Jahren ist eine Vielzahl von nicht-traditionellen Medien entstanden, die hier nicht bewertet werden. Hier wird eindeutig ein Schwergewicht auf traditionelle klassische Massenmedien gelegt. Das ist eine Wertung. Man kann das richtig oder falsch finden. Aber neutral ist diese Auswahl nicht.

Im konkreten Fall hat sich Facebook-Chef Mark Zuckerberg zu Wort gemeldet: Er sagt, eine Manipulation sei zwar möglich, man habe aber bei der Überprüfung keine solche entdeckt. Weiter sagt er, es würden keine Standpunkte anderen vorgezogen oder politische Meinungen unterdrückt.

Wenn wir Mark Zuckerberg trauen, ist das richtig so. Die Frage ist, ob wir als Gesellschaft akzeptieren sollen, dass ein immer grösserer Anteil der News durch eine ganz kleine Zahl von privaten Medien gefiltert wird. Ist es in Ordnung, dass wir darüber keine Kontrolle haben? Wir sind darauf angewiesen, dass der CEO sagt, der Konzern habe das angeschaut und die Mitarbeiter hätten keine Fehler gemacht.

Facebook ist eine private Firma. Wie stellen Sie sich eine Regulierung vor?

Zunächst könnte man sich die klassische Marktregulierung vorstellen und für mehr Konkurrenz sorgen. Mit Hilfe des Kartellrechts könnte man sagen, hier entsteht ein Monopol. Als zweites könnte man mehr Transparenz verlangen. Der Nutzer soll den Unterschied zwischen dem rohen Fluss der Daten und den vom Algorithmus bestimmten Daten sehen. Die dritte Art der Regulierung ist ähnlich wie in den öffentlich-rechtlichen Medien: Man schreibt gewisse Prozedere vor und auferlegt gewisse Meldepflichten. «Trending News» ist ja nur ein Beispiel von einer Vielzahl von Exempeln wie Facebook die Nachrichten manipuliert und ein Strom daraus macht. Der Strom ist für den Nutzer einigermassen handhabbar, so dass wir nicht zu viele Nachrichten bekommen. Es ist aber auch immer schön Platz für Werbung drin.

Wir reden hier über den freien Markt. Wer könnte denn über solche Regulierungen entscheiden?

Auch der freie Markt hat gewisse Einschränkungen. Gerade am Beispiel von Facebook sehen wir, dass der freie Markt nur bedingt spielt. Facebook hat eine quasi-Monopol-Stellung in den Sozialen Medien. In der Schweiz beispielsweise sind bereits über 40 Prozent der Bevölkerung auf Facebook. Hier kann man nicht mehr von einem funktionierenden freien Markt mit verschiedenen konkurrierenden Anbietern sprechen.

Aber wer sollte denn eine solche Regulierung in die Hand nehmen. Eine Regierung? Die UNO?

Man kann nicht sagen, das muss die US-Regierung oder die EU machen. Wichtig ist, dass jene, die regulieren, Transparenz vorschreiben. Der Nutzer soll sehen, was der Effekt der technologischen Verfahren ist, die im Hintergrund ablaufen. Die Nutzer, aber auch die Gesellschaft sollen sich Gedanken machen können, ob diese Art der Filterung sowohl im privaten wie auch im öffentlichen Interesse ist. Genau dies ist im Moment kaum möglich. Da müsste mehr gemacht werden, dass wir die Algorithmen besser verstehen.

Weshalb es eine Kontrolle braucht

6:03 min, aus SRF 4 News aktuell vom 16.05.2016

Alle Medien treffen aber ebenfalls eine Vorauswahl der News, entscheiden, worüber sie berichten wollen und worüber nicht. Medien nehmen teilweise auch auf Inserenten Rücksicht. Ist diese Diskussion nicht verlogen?

Der Unterschied ist, dass wir die klassischen Medien besser einschätzen können. Wir wissen, dass es eine Redaktion gibt. Diese Redaktion ist auch für die Auswahl, die sie macht, verantwortlich. Im Gegensatz dazu sagen neue Medien wie Google oder Facebook: Wir treffen keine Auswahl. Das ist nur der Algorithmus, der die Auswahl trifft. Wir sind im Unterschied zu den traditionellen Medien objektiv.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.