Explosionen in Tianjin: Chinesischer Minister muss gehen

Nach dem Explosionsunglück in der Hafenstadt Tianjin mit mindestens 114 Toten wird der chinesische Arbeitsschutzminister Yang Dongliang entlassen. Er war früher Vizebürgermeister der Hafenstadt. Er soll «Disziplin und Gesetze» verletzt haben.

Frauen in weisser Arbeitskleidung stehen hinter zahreichen Kerzen auf dem Boden. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Bevölkerung von Tianjin gedachte knapp eine Woche später der Opfer des Explosionsunglücks vom letzten Mittwoch. Reuters

Der chinesische Arbeitsschutzminister muss seinen Hut nehmen. Gegen Yang Dongliang werde wegen «schwerer Verletzung von Disziplin und Gesetzen» ermittelt, teilte die Disziplinkommission der Kommunistischen Partei mit. Der Minister war bis Mai 2012 Vizebürgermeister von Tianjin. Zuvor hatte er in staatlichen Öl- und Chemieunternehmen Karriere gemacht. Während die amtliche Nachrichtenagentur keinen Zusammenhang zwischen der Entlassung von Yang Dongliang und dem Explosionsunglück in Tianjin mit mindestens 114 Toten herstellte, sagten Kommentatoren, es sei «kein Zufall», dass der Minister jetzt gehen müsse.

Festnahmen bei Gefahrgutlager-Betreiber

Ermittlungen laufen auch gegen das Unternehmen Ruihai, welches das Gefahrgutlager betrieb, in dem es zu den Explosionen kam. Der Verdacht lautet, dass es Ungereimtheiten bei den Lizenzen für den Umgang mit Chemikalien gab. Laut der staatlichen Industrie- und Handelsbehörde hatte Ruihai zwischen Oktober 2014 und Juni 2015 keine Genehmigung für den Umgang mit Gefahrgütern. Dennoch habe das Unternehmen die Arbeit mit riskanten Chemikalien fortgesetzt, sagten Vertreter von Ruihai der Nachrichtenagentur Xinhua. Der Ruihai-Chef und sein Stellvertreter sowie acht weitere Personen seien bereits am Donnerstag festgenommen worden, berichtete die staatliche Zeitung «People’s Daily».

Zwei Spezialisten befinden sich hinter einem Messgerät auf einem Stativ. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Messungen in Tianjin ergaben teils deutlich erhöhte Werte von giftigen Chemikalien. Reuters

Schaum auf den Strassen

Derweil wächst in Tianjin die Angst vor giftigen Stoffen. Zum ersten Mal nach dem Unglück regnete es, und auf den Strassen bildete sich laut Reportern «ungewöhnlicher weisser Schaum». Die Behörden rieten der Bevölkerung der Zehn-Millionen-Stadt, sich von den weit verstreuten Chemikalien um die Unglückstelle fernzuhalten. Bao Jingling, Chefingenieur des städtischen Umweltamtes, sagte, verschmutztes Wasser am Ort der Explosionen werde abgepumpt und behandelt , um Platz für das Regenwasser zu schaffen. «Zudem werden wir einen Schutzdamm verstärken, um für heftige Regenfälle gewappnet zu sein.» Obwohl Messungen in der Stadt teils deutlich erhöhte Werte von giftigen Chemikalien ergaben, versicherten die Behörden, für die Menschen bestehe keine direkte Gefahr.

Auf dem Trümmerfeld selbst kamen die Aufräumarbeiten langsamer voran als erwartet. Bis zum Montagabend hätten Spezialisten rund 150 Tonnen gefährlicher Materialien in Sicherheit gebracht, sagte Vizebürgermeister He Shushan. Eigentlich hätten sie gegen 700 Tonnen abtransportieren wollen. Insgesamt befanden sich im Gefahrgutlager, in dem es zu den Explosionen kam, rund 3000 Tonnen gefährlicher Stoffe.

Hunderte Verletzte

Im Gefahrgutlager war es am späten Mittwochabend letzte Woche nach einem Brand zu mehreren Explosionen gekommen. Neben den mindestens 114 Todesopfern wurden 692 weitere Menschen so stark verletzt, dass sie im Spital behandelt werden mussten. 57 Personen werden noch vermisst. Auch der finanzielle Schaden ist beträchtlich: Die Grossbank Credit Suisse schätzt, dass den Versicherungen ein Schaden zwischen einer Milliarde und anderthalb Milliarden Dollar entstand. Die Zahlen beruhen auf Berechnungen aufgrund von chinesischen Medienberichten. So wurden etwa rund 10‘000 Autos beim Unglück zerstört oder beschädigt – was gemäss der International Union of Marine Insurance einem Wert von bis zu 300 Millionen Dollar entspricht.

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