«Falsch gedacht und falsch gemacht»

Wer weiss, ob es den heutigen Irak, das heutige Syrien, Libyen oder andere nahöstliche Staaten in ein paar Jahren noch gibt? Viele sehen in der Auflösung der Länder im Nahen Osten ein riesiges Problem. Nicht so der Historiker Michael Wolffsohn: Er hält einen Totalumbau für eine gewaltige Chance.

Spatzen sitzen auf einem Stacheldrahtzaun vor einem grauen Himmel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Historiker Wolffsohn plädiert für ein radikales Überdenken der bestehenden Grenzen. Keystone

Wann immer Staaten auseinanderbrechen, Sezessionen drohen und Chaos herrscht, lautet es unisono: Die nationale Einheit, die territoriale Integrität müsse erhalten oder wiederhergestellt werden. Eine Regierung der nationalen Einheit, einen geeinten Nationalstaat fordert beispielsweise US-Präsident Barack Obama im Fall Irak.

Politiker, Medien, Völkerrechtler: Ausnahmsweise sind sich alle einig. Doch Professor Michael Wolffsohn, seit kurzem emeritierter Geschichtsprofessor an der Universität der Bundeswehr in München, widerspricht energisch. «Das ist eine völlig unsinnige Strategie, die zu Zeiten des Ersten Weltkrieges begonnen hat und fortgesetzt wurde.»

Und es sei doch absurd, im Nahen Osten an staatlichen Grenzen festzuhalten, die seinerzeit von den Kolonialmächten willkürlich und realitätsfremd gezogen wurden. «Falsch gedacht und daher falsch gemacht. So wird man keinen Frieden in dieser Region erreichen», ist Wolffsohn überzeugt.

Kritik an künstlich gezogenen Grenzlinien

Ein guter Teil der Spannungen und Konflikte in Nahost gründe darin, dass die Staaten nicht natürlich gewachsen seien. «Es sind Kunstprodukte», kritisiert Wolffsohn. Es sei unsinnig, krampfhaft Staaten in ihrer bisherigen Form zu erhalten. Ob in Libyen, im Irak, in Syrien: «Wenn man im Nahen Osten sagt, wir brauchen die Wiederherstellung der Staaten, die ohnehin nicht funktioniert haben, dann ist das doch eine Dummheit.»

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Michael Wolffsohn

Porträt von Michael Wolffsohn mit leicht getönter Brille.

Keystone

Michael Wolffsohn, 1947 in Tel Aviv geboren, ist Historiker und Publizist. Er lehrte von 1981 bis 2012 an der Universität der Bundeswehr München neuere Geschichte. Für seine Arbeit ist er unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Konrad-Adenauer-Preis ausgezeichnet worden.

Auch Ländern wie Jordanien oder Libanon gibt Wolffsohn auf Dauer wenig Überlebenschancen in ihrer heutigen Form. Und selbstverständlich müsse man auch im israelisch-palästinensischen Konflikt über neue Modelle nachdenken. Als Wolffsohn seine These vor einigen Jahren lancierte, wurde sie weitherum belächelt. Sie galt als weltfremd. Doch inzwischen, mit den voll und brutal ausgebrochenen Konflikten von Libyen bis Irak, klingt sie plötzlich plausibel – weshalb Wolffsohn sie nun auch in Buchform herausgibt.

Gewachsenes Demokratie-Verständnis fehlt

Gerade im Fall Syrien sei klar, dass Alawiten, Sunniten und Kurden nicht wirklich zusammengehörten. «Diese drei Gruppen sind sich in einem Punkt einig: Eigentlich wollen sie nicht unter einem Dach, sprich in einem gemeinsamen Staat leben. Sehr wohl zusammenleben wollen aber die Sunniten im Irak und in Syrien. Und das ist, wenn man auf die Landkarte schaut, eine territoriale, eine geografische Einheit.»

Nun wendet man natürlich ein: Nicht nur im Nahen Osten klaffen Staatsgrenzen und ethnische, sprachliche oder religiöse Bevölkerungsgruppen auseinander. Das gibt es auch in Europa vielerorts. Gewiss, räumt Wolffsohn ein. Bloss seien die meisten europäischen Staaten viel älter, viel gefestigter, und vor allem seien es Demokratien.

Anders als im Orient unterjoche hier nicht praktisch immer eine Mehrheit eine Minderheit wie im Irak, oder – wie in Syrien – eine Minderheit eine Mehrheit. Wolffsohn nennt als Beispiel die Schweiz mit ihren ausgebauten Minderheitenrechten oder Schottland, das bald über eine Loslösung aus Grossbritannien abstimmt.

Föderales System statt autoritärer Zentralstaat

«Auch wenn die Schotten sich für die Unabhängigkeit entscheiden, wird es keine Invasion Englands in Schottland geben, sondern eine neue Form einer Konföderation, also eines Staatenbundes oder eines Bundesstaates», prognostiziert der Historiker. Auch in Nahost könnten sich Länder so entwickeln. Zwar sei der Weg noch sehr lang. Entscheidend sei es aber, Abschied zu nehmen von autoritären Zentralstaaten.

Für Syrien schlägt Wolffsohn vor, «dass man sagt, okay, wir lassen Syrien weiterbestehen, aber nicht mehr in seiner zentralistischen Form. Machen wir doch eine Föderation.» Konkret heisse dies: «Ein Bundesland Sunnitistan, ein Bundesland Kurdistan, ein Bundesland Alawitistan. Das ist die Grundvoraussetzung.» Also eine Föderalisierung – und damit die Respektierung von Minderheiten.

«  Ohne politische Befriedigung durch Selbstbestimmung gibt es keinen Frieden. »

Michael Wolffsohn
Historiker

Oder man greift zur drastischen Variante: Ein Totalumbau der ganzen Weltregion mit neuen Ländern in neuen Grenzen. «Irgendwann muss man doch die Gründe, die Ursachen prüfen, weshalb es zu diesen Explosionen kommt», so Wolffsohn. «Die Antwort ist ganz einfach: Weil die Menschen keine politische Befriedigung durch Selbstbestimmung haben. Und ohne gibt es keinen Frieden.»

Ausbrechen aus Denkschablonen und weg von der Fixierung auf die Rettung oder Wiederherstellung des bisherigen Zustands, das fordert der Historiker und Politologe. Ansonsten bleibe der Nahe Osten ein Pulverfass.