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Fehlentscheid an der WM Warum der Fussball den fehlbaren Schiedsrichter braucht

In der Nacht auf Dienstag ist Deutschland gegen Paraguay an der Fussball-Weltmeisterschaft der Männer ausgeschieden – nachdem das 2:1 für Deutschland nach einer Intervention des Videoschiedsrichters wieder aberkannt wurde. Ein Fehlentscheid, wie SRF-Schiedsrichter-Experte Sascha Amhof urteilt. Anlass, genauer hinzuschauen auf die Rolle der Schiedsrichter an dieser Weltmeisterschaft.

Sascha Amhof

Schiedsrichter-Experte

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Sascha Amhof war Fifa-Referee und pfiff am 3.12.2017 sein letztes Spiel in der Super League. Er arbeitet als Ausbildungsverantwortlicher für die Schiedsrichter beim Schweizer Fussball-Verband. Während der WM in Nordamerika kommt der Aargauer für SRF als Schiedsrichter-Experte zum Einsatz.

SRF News: Wie gross ist der Anspruch der Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter, an ein fehlerfreies Spiel heranzukommen?

Sascha Amhof: Es geht um viel im Fussball, beide wollen gewinnen. Für uns Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern bedeutet es, den Anspruch zu haben, die Regeln korrekt auszulegen. Was wir suchen, ist eine klare Linie. Dass wir gleiche Szenen immer auch gleich auslegen. Am Schluss muss man aber ehrlich sein: Wir sind Menschen, es gibt Interpretationsspielraum und es wird nie so sein, dass man immer genau gleich entscheidet.

Das Regelbuch, das an der WM gilt, hat über 200 Seiten. Wie bereitet man sich denn auf so eine WM vor?

Die Schiedsrichter an der WM haben ein wahnsinnig professionelles Umfeld. Vielleicht haben sie auch gesehen, dass es nun diese Public Announcements gibt, wenn der Videoassistent (VAR) interveniert hat. Die Schiris müssen ihre Entscheidung dem Publikum vor Ort erklären. Und das wird natürlich alles auch geübt in Trainingslagern vor dem Turnier, so dass diese Schiedsrichter möglichst optimal in ihre Spiele gehen können.

Es gibt schon immer noch einen grossen Interpretationsspielraum – und den braucht es auch.

Wie muss man sich das vorstellen, büffeln die Schiedsrichter am Abend irgendwo noch unter der Bettdecke mit einem Buch die Regeln?

Ja, das kann auch mal vorkommen, ist aber die Basis. Ich glaube, jeder von diesen Schiris an der WM kennt die Regeln mehr oder weniger auswendig, auch wenn sich immer wieder viele Dinge ändern. Dann übt man die Auslegung, das Interpretieren eines Kontaktes. War das ein Penalty? War der Ball am Arm oder nicht?

Wie viel Ermessensspielraum hat ein Schiri heute noch bei so einem umfangreichen Regelwerk?

Es gibt schon immer noch einen grossen Interpretationsspielraum – und den braucht es auch. Man unterscheidet im Schiedsrichterwesen zwischen faktischen Entscheiden und subjektiven. Ein faktischer Entscheid ist beispielsweise die Frage, ob der Ball drin oder draussen ist im Seitenaus. Das kann man heute mit technischen Hilfsmitteln lösen, da braucht es per se keinen Schiri mehr. Und dann gibt es die subjektiven Entscheide: War das jetzt genug für einen Penalty? Das ist auch in der Kultur vom Fussball, es braucht diesen. Denn Fussball ist ein Spiel von Menschen für Menschen, und genau das gilt auch für den Schiri.

Ich erlebe die Schiris als sehr reflektiert und selbstkritisch.

Wie geht man als Schiedsrichter nach einer Partie wie Deutschland-Paraguay mit Kritik um?

Sehr individuell. Aber man analysiert seine Spiele: Was ist gut gelaufen, was schlecht? Was konnte ich kontrollieren, was nicht? Ich erlebe die Schiris, mit denen ich zusammenarbeite, als sehr reflektiert. Ich erlebe sie auch als sehr selbstkritisch, immer im Bestreben, am nächsten Tag nochmals ein wenig besser zu sein als heute.

Wo sehen Sie Berufsschiedsrichter in zehn Jahren?

Ich glaube, es wird weiterhin ein humanes Spiel bleiben. Ich würde dafür plädieren, dass diese menschliche Komponente, der Interpretationsspielraum, weiterhin im Vordergrund steht. Wenn man aber selber von einem Fehlentscheid betroffen ist, den ein Mensch gefällt hat, dann wünscht man sich eben ab und zu auch eine Maschine, die vielleicht anders entschieden hätte.

Das Gespräch führte Vanessa Ledergerber.

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SRF 4 News, 30.06.2026, 16:53 Uhr ; 

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