Ein Hollywood-Blockbuster, gedreht in einer umstrittenen Region: Die Dreharbeiten zu Christopher Nolans «Odyssee» in der Westsahara werfen Fragen auf, die über den Film hinausgehen. Kann eine internationale Produktion einen Konfliktort einfach als Kulisse nutzen oder trägt sie auch Verantwortung für den Kontext, in dem sie arbeitet? Bettina Gräf, Expertin für neuere Kulturgeschichte Nordafrikas, erklärt, warum der Drehort politisch sensibel ist.
SRF: Weshalb ist der Drehort in der Westsahara für den Film «Odyssee» umstritten?
Bettina Gräf: Der Regisseur Christopher Nolan hat Teile seines Films nahe der Küstenstadt Dakhla in der Westsahara gedreht. Das Gebiet steht unter marokkanischer Kontrolle. Der völkerrechtliche Status der Westsahara ist jedoch bis heute nicht abschliessend geklärt, die Besatzung des Gebiets widerspricht laut UNO jedoch dem Völkerrecht. Aus marokkanischer Sicht war der Dreh aber rechtlich zulässig. Für die Sahrauis, die indigene Bevölkerung der Westsahara, ist die Situation heikel. Viele von ihnen leben seit fast 50 Jahren in Flüchtlingslagern in Algerien oder in anderen von Marokko kontrollierten Gebieten.
Ein Film mit einem derart hohen Werbebudget hätte die Aufmerksamkeit nutzen können, um auch auf die Situation in der Westsahara hinzuweisen.
Was ist denn dort genau das Problem?
Die Westsahara liegt südlich von Marokko und war bis 1975 eine spanische Kolonie. Nach dem Abzug Spaniens besetzte Marokko das Gebiet und bezeichnet es bis heute als seine «südlichen Provinzen». Die Sahrauis fordern dagegen das Recht auf Selbstbestimmung. Für ihre Unabhängigkeit kämpft unter anderem die Befreiungsbewegung «Frente Polisario».
Viele Sahrauis flohen 1975 vor dem Einmarsch der marokkanischen Truppen nach Algerien. Dort leben zahlreiche Familien bis heute in Flüchtlingslagern und hoffen auf eine Rückkehr in ihre Heimat. Ausserdem unterscheiden sich Sahrauis und Marokkanerinnen kulturell, sprachlich und ethnisch.
Kritiker werfen «Odyssee» vor, Marokkos Kontrolle über die Westsahara indirekt zu legitimieren und das Land international in ein besseres Licht zu rücken. Wie sehen Sie das?
Ich glaube nicht, dass Marokko einen Hollywood-Film braucht, um seine Kontrolle über die Westsahara zu legitimieren. Das Land sitzt politisch am längeren Hebel. Für die EU und ihre Partner ist Marokko etwa in der Terrorismusbekämpfung und aus wirtschaftlichen Gründen ein wichtiger Verbündeter. Die Kritik rund um den Drehort hat den Konflikt nun aber wieder in die Öffentlichkeit gebracht. Und genau da hätte sich eine Chance ergeben: Ein Film mit einem derart hohen Werbebudget hätte die Aufmerksamkeit nutzen können, um auch auf die Situation in der Westsahara hinzuweisen.
Die globale Unterhaltungsindustrie muss sich deshalb fragen: Was darf sie, auch wenn viel Geld zur Verfügung steht?
Sehen Sie denn eine moralische Verantwortung der Filmindustrie, wenn sie in Konfliktgebieten dreht, auf die Situation vor Ort aufmerksam zu machen?
Ich denke, es geht um eine ganz grundsätzliche Frage: Wie wollen wir uns als Menschen oder auch als Unternehmen verhalten? Wenn gleichzeitig ein Konflikt, Besatzung und Gewalt an einem Ort stattfinden und dort ein riesiges Filmprojekt entsteht, dann prallen zwei Welten aufeinander. Einerseits ist dieser Film ein grosses technisches und kulturelles Ereignis, ein Spektakel. Andererseits müssen die Menschen, die dort leben, mit den politischen Konflikten vor Ort umgehen. Diese Gleichzeitigkeit sollte man nicht einfach ignorieren.
Die globale Unterhaltungsindustrie muss sich deshalb fragen: Was darf sie, auch wenn viel Geld zur Verfügung steht? Gehört es auch dazu, die Öffentlichkeit auf die Situation vor Ort aufmerksam zu machen?
Das Gespräch führte Susanne Stöckl.