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International Fliegende Roboter retten Leben von Kindern in Afrika

Drohnen könnten die humanitäre Arbeit in Afrika erleichtern. Sie können Blutproben von kranken Kindern aus unwegsamen Gebieten ins Labor fliegen. Die Unicef machte in Malawi vielversprechende Testflüge. Kann sich diese Technologie durchsetzen?

Zwei Drohnen
Legende: Drohnen retten Leben in Malawi. Symbolbild. Keystone

Ein insektenartiges Wesen steigt in der malawischen Provinz in den Himmel. Ein Meter Durchmesser, zwei Kilogramm schwer, beladen mit Blut. Es ist Blut von Kindern von HIV-positiven Müttern. Je schneller das Blut in der Hauptstadt Lilongwe im Labor ankomme, desto besser die Überlebenschancen für sie, sagt der HIV-Experte vom Kinderhilfswerk Unicef, der den Lufttransport überwacht: «Zeit ist bei unserer Arbeit der wichtigste Faktor. Heute stirbt in Malawi die Hälfte der Kinder, die den HI-Virus in sich tragen, bevor sie das zweite Lebensjahr erreicht haben.» Das könne man verhindern, wenn man unmittelbar nach der Geburt eine Blutprobe machen kann und bei einem positiven Befund sofort mit einer medikamentöse Behandlung beginne, sagt er.

Gemäss der UNO-Gesundheitsorganisation WHO tragen in Malawi rund eine Million Menschen das HI-Virus. Das heisst, jeder zehnte Bewohner ist HIV-positiv. Darunter Tausende von Kindern, die mit dem Virus zur Welt gekommen sind. Häufig leben sie abgelegen im Busch ohne Zugang zu Tests oder Medikamenten. Laut Unicef sterben in Malawi jährlich gegen 10'000 Kinder, weil sie falsch oder zu spät behandelt wurden.

Reise dauert anstatt zweier Tage 20 Minuten

«Während der Regenzeit sind viele Wege unpassierbar, Brücken werden weggeschwemmt, und Dörfer sind während Wochen nicht mehr erreichbar. Auch während der Trockenzeit sind viele Orte im Gebirge selbst mit Motorrädern praktisch nicht erreichbar, da es nur steinige Pfade gibt, deshalb könnten Drohnen ein Segen sein.»

Allein der Weg vom Busch bis ins Labor dauert mit dem Motorrad ein bis zwei Wochen. Die Drohne braucht dafür 20 Minuten. Bis eine Therapie beginnt, verstreichen oft zwei Monate. Zu lang, sagte sich eine Unicef-Mitarbeiterin, als sie gerade selbst in der Luft unterwegs war. Angela Travis sass in einem Linienflugzeug über Südafrika und las in einem Magazin einen Artikel darüber, wie Drohnen in den USA kommerziell eingesetzt werden sollen. Man könne sie zum Ausliefern von Pizza oder Taschenbüchern nutzen. «Da kam mir der Geistesblitz. Ich fragte mich, weshalb Drohnen nur nützlich sein sollen, um Pizzas zu liefern. Drohnen könnten doch auch Blutproben transportieren, besonders in einem Land wie Malawi, wo viele Gegenden auf dem Landweg nur schwer erreichbar sind», sagt Travis.

Das Unicef-Team war begeistert von der Idee. Doch bis der erste Prototyp im März dieses Jahres in Malawi abheben konnte, gab es eine lange Checkliste abzuarbeiten. Die Zivilluftfahrtbehörden, das Gesundheitsministerium, ja selbst das Verteidigungsministerium stellten Fragen: Wie kann verhindert werden, dass die Drohne mit einem Flugzeug kollidiert?

Was passiert, wenn die Drohne mit Blut mit Krankheitserregern über bewohntem Gebiet abstürzt und nicht zu unterschätzen war die Hexerei. «Es gibt in diesem Land viel Aberglauben. Viele Leute glauben, dass ein Objekt, das über das Dorf fliegt, die Häuser und die Menschen verhexen könnte.»

Die Mitarbeitenden der Unicef mussten deshalb in die Dörfer gehen, um den Leuten die Drohne zu zeigen. Die Bevölkerung konnte sie berühren und sich vergewissern, dass es sich nicht um ein Wesen handelt, das eine Bedrohung darstellt. «So konnten wir das Projekt entmystifizieren und am Ende waren die Leute mehr begeistert, als beunruhigt», sagt Travis.

Steuerung durch Smartphone

Danach konnten die ersten Testflüge gemacht werden. Die Drohnen fliegen dabei mit einem Kilo Last in einer Höhe von 400 Metern zwischen 15-40 Kilometer weit. Die Flugroboter können mit einem Smartphone gestartet werden und finden dann ihren Weg selber. Sie fliegen satellitengesteuert auf festprogrammierten Routen und landen punktgenau in der Hauptstadt. Nach 90 erfolgreichen Flügen will die Unicef in Malawi bald den Normalbetrieb aufnehmen und das hat sich offenbar herumgesprochen.

«Seit wir die ersten Testflüge machten, bekamen wir Anfragen aus ganz Afrika», erzählt Travis. Viele Länder hofften, von unseren Erfahrungen zu profitieren und Drohnen in ihren Gebieten einsetzen zu können. «Da liegt ein enormes Potential. Die Verkehrswege auf diesem Kontinent sind meistens so marod, dass Millionen von kranken Menschen nicht erreicht werden können. Viele Afrikanerinnen und Afrikaner möchten, was die Versorgung betrifft, endlich im 21. Jahrhundert ankommen, und Drohnen könnten ein Weg dazu sein.»

Humanitärer Einsatz von Drohnen

Angela Travis glaubt, dass der humanitäre Einsatz von Drohnen für Afrika ein ähnlicher Quantensprung sein könnte, wie die Entwicklung vom Festnetz zum Mobiltelefon. Im Vergleich etwa zu unerschwinglichen Helikoptern könnten Drohnen nebst Blutproben schnell und günstig auch Medikamente, Ersatzteile oder Dokumente in abgelegene Dörfer transportieren. Afrika könnte damit einmal mehr zum Feldlabor für eine moderne Technologie werden und zugleich den zwiespältigen Ruf von Drohnen verbessern.

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