Flüchtlingskrise «Flüchtlinge sind Nahrung für die Schlepper»

Schlepperexperte Andrea Di Nicola sagt, wie Schmugglerringe funktionieren – und warum die EU ihnen beim Geschäft hilft.

Um was geht es? Es geschah im April letzten Jahres auf hoher See: Ein Fischkutter überfüllt mit Flüchtlingen geriet auf dem Mittelmeer in Seenot und sank. Dabei sollen Schätzungen zufolge bis zu 900 Flüchtlinge ums Leben gekommen sein – lediglich 28 Menschen überlebten. Rückblickend markiert das Bootsunglück wohl den Tiefpunkt der Flüchtlingskrise vor der Mittelmeerküste.

Nun wurde zwei mutmasslichen Schleppern über eineinhalb Jahre später in der sizilianischen Stadt Catania der Prozess gemacht. Der 27-jährige Kapitän des Flüchtlingsboots wurde zu 18 Jahren Haft verurteilt. Ein weiterer Schleuser muss für fünf Jahre ins Gefängnis.

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Andrea Di Nicola

Der Professor für Kriminologie an der Universität Trient ist als Experte für Kriminalität, Menschenhandel und Immigration für die UNO und die EU-Kommission tätig. 2015 veröffentlichte er das Buch «Bekenntnisse eines Menschenhändlers – das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen».

Im Interview erklärt Andrea Di Nicola, was dieser Schuldspruch im Kampf gegen das Schlepperwesen bewirkt und wer die Hintermänner sind. Er macht auch die Europäische Union mit verantwortlich am Tod der Bootsflüchtlinge.

SRF News: Ein italienisches Gericht hat die beiden mutmasslichen Schlepper verurteilt. Wurden damit die führenden Köpfe der kriminellen Organisation aus dem Verkehr gezogen?

Andrea Di Nicola: Bei den beiden Männern handelt es sich wahrscheinlich um Mitglieder eines grossen kriminellen Netzwerks. Diese als «grosse Fische» zu bezeichnen, wäre aber falsch. Vielmehr halten sich diese im Hintergrund auf und vermeiden persönlich jegliches Risiko.

Wer führt die Schmugglerringe in Wirklichkeit an?

Schmugglerringe funktionieren nicht wie die Mafia hierarchisch. Die Strippenzieher leben in Ägypten, der Türkei in Libyen oder in Tunesien. Schmugglerringe sind dezentral organisiert, arbeiten in einem Netzwerk ausserordentlich gut zusammen und verfügen über einen hervorragenden Geschäftssinn. So wissen die Schlepper genau, wie sie die institutionellen Schwächen der EU ausnutzen können – und genau diese hohe kriminelle Energie macht es so schwer, die Arbeit der Menschenschmuggler zu behindern.

Sind Schlepper keine mitfühlenden Wesen?

Auf ihre eigene Weise schon. Es handelt sich aber um rational handelnde Geschäftsleute.

«  Bei meinen Recherchen sagte mir einer der Schlepper einmal: «Ich verkaufe Träume». »

Andrea Di Nicola
Professor für Kriminologie an der Universität Trient

Ein anderer verglich sich selbst mit Moses. Und ein Dritter erklärte mir: «Ich verkaufe Dienstleistungen und die Flüchtlinge haben dafür nur mich».

Wie viel Geld müssen die Flüchtlinge auf den Tisch legen, wenn sie die Dienste eines Schleppers in Anspruch nehmen müssen?

Je nach Route und Art der Reise zwischen 1000 und 9000 Euro. Unter dem Strich nehmen die Menschenschmuggler am Mittelmeer mehrere Millionen Euro jährlich ein.

Was geschieht mit diesem Geld?

Es wird teilweise in legale Geschäfte investiert, etwa in Restaurants, aber auch in den Drogen- und Waffenhandel. Und mit einem Teil dieser Gewinne könnten terroristische Aktivitäten finanziert worden sein.

Warum flüchten die Menschen aus Schwellen- und Entwicklungsländern, wenn sie über so viel Geld verfügen?

Tatsächlich können einzelne Flüchtlinge reicher Familien entstammen. Andere verkaufen ihr ganzes Hab und Gut, bevor sie sich auf den gefährlichen Weg in Richtung Europa machen.

«  Es kommt auch vor, dass ein ganzes Dorf in die Flucht einzelner Dorfbewohner investiert. »

Trotzdem ist es ein Irrglaube, zu denken, dass die Flüchtlinge sofort an ihrem Bestimmungsort ankommen. Denn die Reise kann Monate, wenn nicht Jahre dauern.

Die Flüchtlinge müssen auf ihrer Reise in den Transitländern nach Arbeit suchen, um die Schlepper überhaupt bezahlen zu können. Die Schlepper sind clever und ihre Preise sind auf die Flüchtlinge und deren finanziellen Möglichkeiten zugeschnitten.

Wie kann die EU und die Schweiz das Schlepperwesen bekämpfen?

Die Schmuggler nur auf juristischen Wege zu bekämpfen, ist ineffizient. Wir benötigen eine intensive Kooperation und Koordination zwischen den Ländern innerhalb der EU.

Überdies muss die EU geschlossen gegen Staaten wie die Türkei, Ägypten oder Tunesien auftreten. Im Moment ist dieses Ziel ausser Reichweite – und die Schmuggler nutzen diese politische Grosswetterlage aus.

Aber die EU hat doch striktere Asylgesetze in Kraft gesetzt. Schreckt das die Flüchtlinge nicht ab?

Die Schlepper selbst sagten uns: «Die EU macht uns reich». Flüchtlinge – die in Europa um Asyl bitten müssen – sind die Nahrungsquelle jedes Schlepperrings.

Was schlagen Sie im Gegenzug vor?

Je mehr legale Alternativen wir den Flüchtlingen bieten, schneller und sicherer fliehen zu können, desto komplizierter wird das schmutzige Geschäft der Schlepper.

Sie schlagen also vor, die Europas Grenze für die Flüchtlinge wieder uneingeschränkt zu öffnen?

Nein. Es wäre aber eine kluge Idee, den Flüchtlingen zu erlauben, einen Asylantrag in einer Botschaft in ihrem Heimatland zu stellen.

Inwiefern wäre das eine kluge Idee?

Wenn das Verfahren rasch durchgeführt wird und wenn den Flüchtlingen einmal Asyl gewährt wurde, müssten diese sicher und schnell in diese Länder gebracht werden.

Das Gespräch führte Vasilije Mustur