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International «Flüchtlinge wollen noch vor Wintereinbruch nach Europa»

In den vergangenen Tagen kamen bei Bootsunglücken über 330 Menschen im Mittelmeer ums Leben. Damit steigt die Zahl der Toten in diesem Jahr auf fast 4300 – ein Rekord. Ein UNHCR-Mitarbeiter erklärt die Gründe.

Afrikanische Flüchtlinge dicht gedrängt auf einem Schlauchboot, dem die Luft ausgeht.
Legende: Dieses Jahr hat allein Italien 165'000 Personen an Land gebracht. Jeder 40. stirbt bei der Überfahrt. Keystone

Drei Bootsunglücke allein diese Woche

  • In der Nacht auf Donnerstag ist rund 30 Seemeilen vor der libyschen Küste ein Schlauchboot mit 130 Flüchtlingen gekentert. 27 Menschen konnten gerettet werden, 96 werden vermisst.
  • Am Montag war bereits ein Schlauchboot gekentert. Fünf Menschen konnten nur noch tot geborgen werden. 15 Flüchtlinge überlebten das Unglück, 135 werden seitdem vermisst.
  • Bei einem weiteren Unglück am Dienstag kamen ebenfalls fünf Menschen ums Leben, 23 Flüchtlinge konnte die italienische Küstenwache retten, 95 Menschen werden vermisst.
  • Damit dürften diese Woche bereits mehr als 330 Flüchtlinge im Meer ertrunken sein.

Menschen wollen rasch weg aus Libyen

Es wird kälter, die See wird rauer. Trotzdem wagen offenbar noch immer unzählige Menschen die Flucht übers Mittelmeer. «Sie wollen noch vor Wintereinbruch nach Europa», erklärt Beat Schuler. Er arbeitet für das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Malta. «Die Situation in Libyen ist katastrophal; Frauen werden systematisch vergewaltigt, es gibt Zwangsarbeit, unbegleitete Minderjährige werden missbraucht.»

Das zeigt Folgen. Noch nie haben so viele Menschen auf der Mittelmeerroute ihr Leben verloren wie in diesem Jahr (siehe Box). Das liegt auch an den Schleppern. «Sie überfüllen die Boote noch viel mehr als letztes Jahr», hat Schuler beobachtet. Es seien keine Satellitentelefone mehr an Bord. Und die Boote würden mit weniger Benzin betankt, so das sie gerade noch die internationalen Gewässer erreichen, in der Annahme, dass sie dort von Rettungsschiffen und freiwilligen Helfern aufgegriffen werden.

Zu wenig legale Möglichkeiten zur Flucht

Beim aktuellen, stürmischen Wetter sei Hilfe aber alles andere als gewährleistet. «Die Gefahr zu kentern ist grösser denn je», betont der UNHCR-Vertreter. Die einzige, legale Alternative, um nach Europa zu kommen, seien sogenannte humanitäre Korridore. «Von diesen gibt es aber fast keine», so Schuler.

Die Gefahr zu kentern ist grösser denn je.
Autor: Beat SchulerMitarbeiter des UNHCR

Zwar nehme beispielsweise die EU Flüchtlinge aus der Türkei auf. «Doch im Vergleich zu den 165'000 Ankünften in Italien allein dieses Jahr ist die Zahl derjenigen, die sich auf einen legalen Weg machen können, äusserst klein.» Deshalb wagten trotzdem viele den gefährlichen Weg über das Mittelmeer.

Zahl der Opfer steigt

Laut der Internationalen Organisation für Migration IOM starben dieses Jahr bereits 4271 Flüchtlinge im Mittelmeer. 2015 waren insgesamt 3770 Tote gezählt worden. Als Grund für den jüngsten Anstieg nennt die Grenzschutzbehörde Frontex das gute Wetter im Oktober. Das habe Schlepper dazu bewegt, noch mehr Menschen auf schrottreife Boote zu treiben.

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50 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    Kaum zu glauben dieser Bericht, aber offenbar dennoch wahr. - zB. nicht genug Benzin... mmmh ! Ertrunkene 4'300 wahrscheinlich dürften es weit mehr sein... mmmh. Wirklich, Trump hatte ein leichtes Spiel diese dubiosen Vorgänge (all dieser Schlepper & Schleuser sowie deren nachgelagerten Stellen) plausibel und glaubwürdig bei der Wahl für sich zu nutzen.
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  • Kommentar von Rolf Bolliger (robo)
    Solange die wirklichen Ursachen dieser Völkerwanderung Richtung Europa nicht klar und deutlich ergründet werden, wird sich am ganzen "Exodus" nichts ändern! Auf dem afrikanischen Kontinent könnten all die jungen Männer sehr viel erbauen und entwickeln, damit sie Nahrung, Wasserleitungen, Wohnungen, Schulen oder sogar KMU-betreiben könnten! Einfach laut Internet-Propagande und guten Handy-Orientierungen die Länder verlassen und nach Europa abhauen, ist für "beide Seiten" nie eine Lösung!
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  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Die meisten Migrationswellen wurden ausgelöst durch Übernutzung der Ressourcen oder plötzliche/allmähliche Klimaveränderung. Kriege waren oft die direkte Folge davon. Betrachtet man Afrika, findet sowohl eine Bevölkerungszunahme und damit eine selbst verursachte Verknappung als auch Ausbeutung durch fremde Staaten/Konsortien statt. Korruption und Kriege sind Folgen als auch Instrumente der Ausbeutung. Hochkomplexe Situationen, bei denen es keine einfachen Lösungen gibt.
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