Aussichtsloser Arbeitsmarkt Frankreichs Junge in der Armutsfalle

Die Jugendlichen haben Mühe, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, sagt eine Forscherin. Jeder Vierte ist ohne Job.

Ein Jugendlicher hält sich die Hände vor das Gesicht und sitzt auf einer Treppe. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Frankreich sehr hoch. Wer keine Diplome vorweisen kann, hat es zusätzlich schwer. Colourbox/Symbolbild

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Zur Person

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Francine Labadie leitet die Forschungsstelle am französischen Institut für Jugend und Bildung (INJEP) in Paris und veröffentlicht Berichte über den Zustand der Jugend. Sie hat unter anderem aufgezeigt, dass die Jugendlichen von der ökonomischen Krise (seit 2008) ganz besonders betroffen sind.

SRF News: Francine Labadie, wie geht es der französischen Jugend?

Francine Labadie: Durch die Alterung der Gesellschaft übersteigt seit 2015 die Anzahl der 60-Jährigen, jene der unter 20-Jährigen. Dieses veränderte Verhältnis birgt das Risiko, dass die Jugend weniger Gewicht bekommt. Das sieht man bereits in der Politik: Es gibt unter 577 Abgeordneten nur eine einzige unter 30 und man sieht es auch an den Programmen der politischen Parteien für die Präsidentenwahl: Die interessieren sich vor allem für die Erwachsenen und die Alten. Das sagt schon viel über den Zustand der Jugend.

Und wie geht es den Jugendlichen selbst?

Die Soziologin Cécile Van de Velde hat gezeigt, dass sich französische Jugendliche im europäischen Vergleich vor allem grosse Sorgen machen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Es geht darum, die Ausbildung abzuschliessen und eine sichere Arbeit zu finden. Der Druck auf die Jungen ist hier in Frankreich sehr gross – die Situation ist schwierig.

«  Die Ungleichheit unter den Jugendlichen hat sich vergrössert - zwischen den gut und den schlecht qualifizierten. »

Francine Labadie
Jugendforscherin

Welcher Druck?

Es sind ökonomische Fragen. Man sieht dort gut, dass sich die Ungleichheit unter den Jugendlichen vergrössert hat. Ich habe das an meinem Institut untersucht und es zeigt sich eindeutig, dass sich je länger je mehr ein Graben öffnet zwischen jenen, die ihre Studien abschliessen und jenen, die schlecht oder nicht qualifiziert sind. Das überschneidet sich natürlich mit dem sozialen Hintergrund. Viele sind sehr lange auf die Unterstützung der Eltern angewiesen, bis sie ein selbstständiges Leben führen und «erwachsen» sind. Sie investieren viele Jahre in ihre Ausbildung, um den Erwartungen gerecht zu werden. Und wer aus bescheidenen Verhältnissen kommt, hat ohnehin weniger Chancen auf einen hohen Ausbildungsgrad.

«  Wir stellen tatsächlich das äusserst beunruhigende Phänomen der Verarmung fest.  »

Francine Labadie
Jugendforscherin

Geht es den Jugendlichen denn heute schlechter als ihren Eltern?

Wir beobachten, dass es eine starke Prekarisierung der Jugendlichen gibt. Wir stellen tatsächlich das äusserst beunruhigende Phänomen der Verarmung fest. Das betrifft auch die jungen Studierenden. Ich möchte unterstreichen, dass sich die Tendenz hier umgekehrt hat – früher waren es die Älteren, die am ärmsten waren. Jetzt sind es tatsächlich die Jungen, die zu den Ärmsten gehören.

«  Der französische Arbeitsmarkt kann nur eine Generation aufs Mal beschäftigen. »

Francine Labadie
Jugendforscherin

Das Problem ist ja auch, dass selbst gut ausgebildete Jugendliche kaum eine feste Arbeitsstelle bekommen. Was läuft falsch?

Das hat nicht mit den Jugendlichen selber zu tun. Das Problem des französischen Arbeitsmarktes ist, dass er primär auf die aktive Generation der Erwachsenen ausgerichtet ist. Er kann nur eine Generation aufs Mal beschäftigen. Jene, die arbeiten, behalten die sicheren Stellen, und die ganze Prekarität wird auf jene abgewälzt, die in den Markt einsteigen wollen, also die Jungen, und jene, die rausfallen, also die Älteren. Hier bräuchte es eine grundsätzliche Regulierung, die über Verbesserungen für Jugendlichen hinausgeht.

Tut denn die Politik genug für die Jugendlichen?

Es wird nicht zu wenig getan, aber es wird nicht das Richtige getan: Das Angebot orientiert sich zu wenig an den Bedürfnissen der Jugendlichen. Bevor man in Aktionismus verfällt, sollte man erst einmal analysieren, was genau helfen würde, was wirklich nützt. Ein Beispiel: Man fördert die Mobilität der Jugendlichen, aber davon profitieren genau wieder jene, die ohnehin schon die Ressourcen haben, mobil zu sein. Für die meisten ist dieser Schritt zu gross. Man müsste also bei der Diagnose nicht nur die Probleme anschauen, sondern auch die Jugendlichen selbst und ihre Bedürfnisse besser kennen.

Das Gespräch führte Simone Fatzer.

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So wird in Frankreich gewählt

1:17 min, vom 19.4.2017

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