Flüchtlingsroute Mittelmeer Frauen und Kinder sind massiven Übergriffen ausgesetzt

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«Kinder werden oft sogar Opfer von Kinderhandel»

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Flüchtlingsroute übers Mittelmeer ist für Frauen und Kinder ein erschreckendes Martyrium, wie Unicef schreibt.
  • Die Mehrheit von ihnen ist demnach mit Gewalt und sexuellem Missbrauch konfrontiert.
  • Insbesondere unbegleitete Kinder seien stark gefährdet, sagt Unicef-Mediensprecherin Charlotte Schweizer.
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Hunderte Kinder gestorben

Hunderte Kinder gestorben

Laut Unicef starben im vergangenen Jahr rund 4600 Menschen beim Versuch, von Libyen über das Mittelmeer nach Italien zu kommen. Das sei etwa jede 40. Person, die die Überfahrt versuchte. Schätzungen zufolge waren mindestens 700 Kinder unter den Todesopfern.

Drei Viertel aller Kinder, welche auf der Mittelmeer-Route von Afrika nach Europa gekommen sind, sind zumindest einmal mit Gewalt konfrontiert gewesen. Ausserdem berichte die Hälfte aller Frauen und Kinder von sexuellem Missbrauch. Das schreibt das UNO-Kinderhilfswerk Unicef. Für den Bericht befragte die Organisation zahlreiche betroffene Frauen und Kinder in Libyen.

Schlepper als Täter

«Insbesondere unbegleitete Kinder sind einem grösseren Risiko ausgesetzt, Opfer von Gewalt oder sexueller Ausbeutung zu werden», sagt Unicef-Mediensprecherin Charlotte Schweizer. Täter könnten Schlepper oder andere Erwachsene Männer sein. Die befragten Kinder berichteten aber auch von «uniformierten Personen» wie etwa Milizen, welche ihnen Gewalt angetan hätten.

Die Kinder und Frauen hätten auch davon erzählt, vor allem in Libyen in Immigrationszentren inhaftiert worden zu sein. Dort seien sie oftmals von ihren Mitreisenden getrennt worden und so auf sich allein gestellt gewesen, sagt Schweizer. Damit steige die Gefahr, Opfer von Gewalt und Missbrauch zu werden.

Viele Flüchtlinge hätten zudem berichtet, dass Schlepper nach der ersten Zahlung wieder Geld verlangt hätten. Das erhöhe die Gefahr, Opfer von Missbrauch, Entführung oder Menschenhandel zu werden. Einige hätten sogar von mehrmaligem sexuellem Missbrauch an verschiedenen Orten erzählt, so Unicef.

Flüchtlingshölle Libyen

11 min, aus Rundschau vom 13.4.2016

Zehntausende Frauen und Kinder

In den Gesprächen berichteten die Frauen und Kinder auch über raue und überfüllte Bedingungen in den Aufnahmezentren sowie Engpässe bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln. Auch adäquate Unterkünfte hätten oftmals gefehlt.

Offiziell befanden sich unter den 260'000 Flüchtlingen in Libyen 30'803 Frauen und 23'102 Kinder, die Dunkelziffer sei aber wohl dreimal so hoch, so Unicef.

Unicef fordert besseren Schutz

Das UNO-Kinderhilfswerk fordert, dass Kinder vor Gewalt und Ausbeutung geschützt werden und die Inhaftierung von Kindern aufgrund des Aufenthaltsstatus' beendet wird. Ihnen müsse Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung verschafft werden. Neben einer Bekämpfung der Fluchtursachen seien auch Massnahmen gegen Fremdenfeindlichkeit in den Transit- und Zielländern erforderlich.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Versklavte Flüchtlinge

    Aus Rundschau vom 29.6.2016

    Täglich kommen in Sizilien neue Migranten aus Schwarzafrika an. Das „gelobte Land“ Europa, von dem die Migranten träumen, erweist sich aber für viele als Hölle. In Sizilien werden Migranten als Erntehelfer ausgebeutet. Die „Rundschau“ zeigt: Flüchtlinge arbeiten schwarz für rund 2 Euro in der Stunde.

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