Der Ukraine fehlt es an Flugabwehr-Systemen – und der Munition dazu. Regelmässig richten russische Raketen schwere Schäden an. Sollte sich der Krieg ausweiten, wäre auch Europa russischen Attacken aus der Luft ziemlich schutzlos ausgeliefert. Deswegen wollen nun Europäer und Ukrainer zusammen einen Schutzschild bauen – mit ukrainischer Technologie. Der Militärexperte Gustav Gressel erklärt, warum ein neues System dringend benötigt wird – und weshalb die Umsetzung schwieriger werden dürfte als angekündigt.
SRF News: Was ist derzeit das Hauptproblem der ukrainischen Flugabwehr?
Gustav Gressel: Das Hauptproblem ist derzeit die Versorgung mit Munition – insbesondere für die Patriot-Systeme. Die Ukraine verfügt aktuell über acht Batterien, doch sowohl die Patriot-Systeme selbst als auch die dazugehörigen Flugkörper sind knapp. Unter US-Präsident Joe Biden genoss die Ukraine bei Lieferungen noch Priorität. Seit dem Iran-Krieg und dem gestiegenen Bedarf der US-Streitkräfte ist das weggefallen.
Wo gibt es in der europäischen Luftabwehr Lücken?
Die Europäer produzieren mit dem französisch-italienischen SAMP/T-Aster-System lediglich eine einzelne eigene Alternative zum Patriot-System. Die Produktion liegt derzeit nur bei rund 150 bis 200 Flugkörpern pro Jahr - was deutlich geringer ist als die Jahresproduktion von Iskander-Flugkörpern in Russland. Deutschland wird zwar ab dem kommenden Jahr über eine eigene Patriot-Produktion verfügen – allerdings nur für die ältere Patriot-Version Pac-2. Und die ist gegen ballistische Raketen nur bedingt geeignet. Das heisst, wir haben eine Abwehrlücke gegen diese Klasse von Systemen. Gleichzeitig produziert Russland immer mehr davon.
Diese Woche wurde das Projekt «Freja» gegründet. Was ist das für ein Projekt?
Die Ukraine verfügt noch über Kapazitäten aus der Zeit des Kalten Krieges, als das Flugabwehrsystem S-300 in grosser Zahl produziert wurde. Allerdings ist die Technik der S-300 veraltet. Deshalb versucht Kiew, die Raketen mit westlichen Komponenten zu modernisieren – etwa mit neuen Radargeräten, Flugsteuerungen und vor allem leistungsfähigeren Sensoren. Die Ukraine versucht, eine eigene Produktion aufzustellen. Allerdings ist die Integration der unterschiedlichen Technologien alles andere als trivial.
Die ukrainische Vorstellung eines umfassend kompatiblen Systems dürfte wahrscheinlich an vielen industriepolitischen Widerständen scheitern.
Es ist die Rede davon, dass das System bereits im kommenden Jahr einsatzfähig sein soll. Wie realistisch ist dieser Zeitplan aus Ihrer Sicht?
Das wird länger dauern als geplant. Schon bei der Einführung des SAMP/T-Systems – also des französisch-italienischen Gegenstücks zum Patriot – in der Ukraine gab es Softwareprobleme. Viele Dinge stellen sich erst im Einsatz heraus.
Ist es denkbar, dass das ukrainische Luftabwehrsystem «Freya» künftig auch in Europa eingesetzt wird, um vor russischen ballistischen Raketen zu schützen?
Grundsätzlich ist es denkbar, dass dieses System mit anderen Luftverteidigungssystemen kompatibel gemacht wird, die bereits im Einsatz sind. Allerdings wollen die Ukrainer mit Unternehmen zusammenarbeiten, die auf demselben Markt miteinander konkurrieren. Dabei handelt es sich vor allem um französische und deutsche Hersteller, die das gleiche Produkt anbieten. Die ukrainische Vorstellung eines umfassend kompatiblen Systems dürfte wahrscheinlich an vielen industriepolitischen Widerständen scheitern. Also mal schauen, mit wem es dann letztendlich wirklich klappt, diese Zusammenarbeit in die Tat umzusetzen.
Das Gespräch führte David Nauer.