Fünftes Todesopfer bei Protestwelle in der Türkei

Zwei Wochen nach Beginn der regierungsfeindlichen Proteste in der Türkei ist die Zahl der Todesopfer auf fünf gestiegen. Ein Demonstrant erlag seinen schweren Verletzungen im Spital. Führer der Protestbewegung beraten derweil über Entspannungssignale aus Ankara.

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Bildlegende: Trauer um Protestopfer auf Istanbuls Taksim-Platz: Heute erlag ein fünfter Demonstrant seinen Verletzungen. Reuters

Der 26jährige Demonstrant, der seit dem 1. Juni in einem Spital in Ankara auf der Intensivstation gepflegt wurde, erlag seinen schweren Verletzungen. Ethem Sarisülük sei bei den Protesten in Ankara zu Boden gegangen, als die Polizei Warnschüsse in die Luft abgegeben hatte, berichteten Medien.

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Bildlegende: Krasse «Normalität» in Istanbul: Abschuss eines Tränengas-Geschosses gegen Demonstranten. Reuters/Archiv

7500 Verletzte

Unter den landesweit fünf Todesopfern sind vier Demonstranten sowie ein Polizist, der in der südtürkischen Stadt Adana bei einem Einsatz gegen Demonstranten von einer Brücke in den Tod gestürzt war.

Nach Angaben des türkischen Ärztebundes wurden bei Zusammenstössen zwischen Polizei und Demonstranten seit Ende Mai fast 7500 Menschen verletzt.

Entspannungssignale aus Ankara

Im Verlauf des Tages gab es Signale der Deeskalation aus der Hauptstadt Ankara. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan will die wochenlangen schweren Auseinandersetzungen im Land nun offenbar mit Zugeständnissen an die Protestbewegung beenden. Nach fast vierstündigen Gesprächen Erdogans mit Vertretern der Taksim-Plattform kündigte die Regierung ein Einlenken an.

Türkei: «Erdogan muss einlenken»

3:21 min, aus SRF 4 News aktuell vom 14.06.2013

Regierungssprecher Hüseyin Celik sagte, die Regierung wolle die endgültige Entscheidung des Gerichts abwarten, das die Bauarbeiten im Gezi-Park in Istanbul gestoppt hatte. Der Park werde vorerst «nicht angerührt», versicherte Celik. «Wir wollen wissen, was die Bürger Istanbuls denken, ihre Entscheidung ist sehr wichtig für uns.»

«Gehen Sie nach Hause»

Regierungschef Erdogan bestand aber am Freitagnachmittag darauf, dass die Besetzer ihr Zeltlager im Gezi-Park räumen. Im Gegensatz zum Vortag schlug der islamisch-konservative Regierungschef aber versöhnlichere Töne an. «Bitte verlassen Sie den Gezi-Park und gehen Sie nach Hause», sagte Erdogan. Die Demonstranten hätten ihre Forderungen, die nun geprüft würden, vorbringen können.

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Bildlegende: Klingt am Freitag weniger herrisch als in den Tagen zuvor: Premier Erdogan. Reuters/Archiv

Sollte das Gericht im anhängigen Verfahren den Baustopp bestätigen, wolle die Regierung dies akzeptieren, berichteten türkische Medien. Sollte das Gericht aber den Plänen für den Nachbau einer osmanischen Kaserne grünes Licht geben, wolle die Regierung die endgültige Entscheidung der Bevölkerung in einem Referendum überlassen. «Die Türkei ist ein Rechtsstaat», sagte Celik. Und die Regierung müsse Gerichtsentscheidungen respektieren. Er kündigte zudem Sanktionen für Polizisten an, sofern diese Straftaten begangen hätten.

Protestbündnis begrüsst Entscheid

Die Protestbewegung beriet nach dem Krisentreffen über das weitere Vorgehen. Erste Reaktionen waren positiv. Vertreter der Taksim-Plattform hätten bei dem Gespräch mit dem Regierungschef ihre Forderungen bekräftigt, teilte die Gruppe mit. Allerdings sollte die endgültige Entscheidung über ein Ende der wochenlangen Proteste den Demonstranten selbst überlassen bleiben.

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Proteste in der Türkei

1:30 min, aus Tagesschau am Mittag vom 13.6.2013

Die Taksim-Plattform fordert, den Gezi-Park in seiner jetzigen Form zu erhalten, aber auch eine Bestrafung der Verantwortlichen für Polizeigewalt, eine Freilassung der bei den Protesten Festgenommenen sowie die Beachtung der Demonstrations- und Meinungsfreiheit in der Türkei.

«Alles hat mit einem Gefühl für den Park begonnen», sagte Eyüp Muhcu von der Plattform. Nun sollten die Menschen ihre Entscheidungen selbst treffen, «so wie sie sie angesichts der Polizeigewalt» getroffen hätten.