«Hören Sie die Stimmung!», rief Fussball-Experte Jims Antoine ins Telefon. Der 46-Jährige verfolgte vor einer Woche in einem Stadion in Port-au-Prince das erste Spiel der haitianischen Fussballmannschaft an einer WM seit mehr als einem halben Jahrhundert.
Zwar haben die «Grenadiers», wie die National-11 genannt wird, den ersten Match verloren. Doch die Stimmung sei grossartig gewesen, erzählt Jims Antoine wenige Tage später. Fussball sei mit Abstand die beliebteste Sportart im Land.
Keine Heimspiele
Jims Antoine war gut 15 Jahre lang Schiedsrichter in der nationalen Fussballliga. Es schmerzt ihn, dass er seit Jahren kein Spiel seiner Nationalmannschaft auf der Insel mehr live sehen kann. «Es ist eine Katastrophe. Schuld ist die mangelnde Sicherheit.» Die Gangs hätten alle Orte rund um das Stadion eingenommen. Darum trainiert und spielt die Nationalmannschaft ausserhalb des Landes.
In Haitis Hauptstadt Port-au-Prince haben Gangs das Sagen, die Regierung hat die Kontrolle über das Stadtgebiet fast gänzlich verloren. Laut der UNO sind seit Anfang des Jahres bereits 2300 Personen durch Bandengewalt ums Leben gekommen. Darum können haitianische Fussballfans ihre Mannschaft nie zu Hause sehen.
Angst in der Diaspora
Umso glücklicher war James Louis-Charles, als er Tickets für das historische Spiel in den USA ergattern konnte. Der 52-jährige gebürtige Haitianer kam als Teenager in die USA, heute leitet er in Haiti ein Fussballprogramm für Jugendliche. Bis zu 1.5 Millionen Menschen haitianischer Herkunft leben in den USA.
Doch viele Haitianerinnen und Haitianer würden sich nicht trauen, den heutigen Match in der Öffentlichkeit zu schauen. In der Diaspora gehe die Angst um. «Viele sagen, man sollte sich besser nicht im öffentlichen Raum aufhalten, vor allem, wenn der Aufenthaltsstatus nicht vollständig geklärt ist.»
Das dämpfe die WM-Euphorie für gewisse Haitianerinnen, die sonst ins Stadion gegangen wären oder in haitianische Restaurants. Mehrere Hunderttausend Haitianer leben in den USA unter dem sogenannten «Temporary Protected Status (TPS)». Doch US-Präsident Donald Trump will ihn abschaffen, das Oberste Gericht in den USA sollte bald darüber urteilen.
Keine Flüge, keine Visa
Doch auch haitianische Fans, welche nur für das Spiel in die USA einfliegen wollten, blieben wortwörtlich auf der Strecke. «Ich habe Freunde, die fürs Spiel in die USA fliegen wollten», sagt James Louis-Charles. Doch seit die Banden auch Flugzeuge beschossen, gibt es praktisch keine Flüge mehr nach Haiti. «Und dann ist da noch dieser Visa-Stopp …», bedauert Louis-Charles.
Haiti gehört zu den zwanzig Ländern, deren Einwohnern Donald Trump kein Visum mehr geben will. Nebst Iran ist Haiti das einzige dieser Länder, das an der Fussball-WM teilnimmt. James Louis-Charles wird das Spiel heute nicht mehr im Stadion schauen, aber natürlich am Bildschirm. Denn wer weiss, ob Haiti-Fans danach nicht wieder ein halbes Jahrhundert warten müssen, bis ihr Team an einer Fussball-WM dabei ist.