Nördlich von Bergen soll eine Weltpremiere entstehen: Norwegen hat grünes Licht für einen Schiffstunnel gegeben, der gross genug für Transport- und Fährschiffe ist. Der 1.7 Kilometer lange Stad-Schiffstunnel soll die gleichnamige Halbinsel durchqueren und zwei Fjorde miteinander verbinden. Die Kosten werden auf mehr als 700 Millionen Franken geschätzt.
Die Schifffahrt entlang der norwegischen Westküste soll dadurch sicherer, zuverlässiger und umweltfreundlicher werden. Auch will Norwegen die abgelegene Küstenregion stärken und ein Zeichen für seine Schifffahrts- und Fischereiwirtschaft setzen, wie SRF-Nordeuropakorrespondent Bruno Kaufmann sagt.
Der «Gotthard Norwegens»
Die Halbinsel Stad gilt als sehr zentraler Abschnitt der norwegischen Küste. Schiffe müssen von dort auf den offenen Nordatlantik hinausfahren. Stürme und hoher Wellengang führen regelmässig zu Verspätungen oder Ausfällen. Die Seepassage gilt als gefährlich. «Es gibt Erzählungen aus der Wikingerzeit, die vor dieser Umrundung der Stad-Halbinsel bereits gewarnt haben», sagt Kaufmann.
«Stad ist ein wenig der Gotthard Norwegens», so der Nordeuropa-Korrespondent. Die Halbinsel bilde nicht nur eine natürliche Grenze zwischen dem Süden und Norden des Landes. Selbst Wetterprognosen unterscheiden häufig zwischen den Gebieten südlich und nördlich von Stad. Der Schiffstunnel soll nun dafür sorgen, dass Schiffe die Halbinsel nicht mehr umfahren müssen, sondern sie direkt durchqueren.
Der Tunnel soll rund 36 Meter breit und 50 Meter hoch werden, und er muss im Meer gebaut werden. Eine klassische Tunnelbohrmaschine kann deshalb nicht eingesetzt werden. Stattdessen soll zunächst im oberen Bereich ein kleinerer Stollen entstehen. Von dort aus wird das Gestein schrittweise nach unten weggesprengt.
Während der Arbeiten werden die beiden Eingänge gegen das Wasser abgedichtet, damit kein Wasser eintreten kann. Insgesamt dürften etwa sechs Millionen Kubikmeter Gestein abtransportiert werden. Das Material soll in der Region weiterverwendet werden, wo Baumaterial knapp ist.
Politischer Kompromiss macht Bau möglich
Das Projekt stand allerdings lange auf der Kippe. Die sozialdemokratische Minderheitsregierung wollte den Tunnel zunächst nicht bauen. Die Zentrumspartei, ihr Partner im Parlament, setzte sich jedoch für den Bau ein. «Am Schluss kam es zu einem politischen Kuhhandel», sagt Kaufmann: Die Zentrumspartei unterstütze die Regierung in der Klimapolitik und erhalte dafür den Schiffstunnel. So kam es schliesslich zu einem Kompromiss im Parlament.
Hoffnung auf mehr Tourismus
Die umliegenden Ortschaften erhoffen sich vom Tunnel mehr Besucherinnen und Besucher, neue Geschäfte und zusätzliche Arbeitsplätze. Das Vorhaben ist in der Region aber nicht unumstritten. Einige Anwohnerinnen und Anwohner befürchten laut Kaufmann, dass die bisher ruhige Fjordlandschaft durch die Bauarbeiten und den zusätzlichen Verkehr beeinträchtigt wird. Einsprachen gegen das Projekt wurden jedoch abgewiesen.