Geiselradio in Kolumbien: Eine Stimme für die Entführten

Jeden Samstag ab Mitternacht senden in Kolumbien Freunde und Angehörige Botschaften über den Radiosender Caracol an Entführte. Es sind Nachrichten ins Ungewisse – doch ehemalige Entführte bestätigen: Das Radio hielt sie am Leben.

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Radio als Hoffnungsträger für Geiseln

4:09 min, aus 10vor10 vom 25.5.2016
«  Bienvenidos, liebe Hörer da draussen im Urwald. »

Seit mehr als 20 Jahren begrüsst der Radiomoderator Herbin Hoyos seine Hörer mit diesen Worten. Samstags von kurz nach Mitternacht bis morgens um sechs Uhr rufen Verwandte, Freunde und Bekannte von Entführten bei «Radio Caracol» an. Viele warten lange in der Leitung, bis sie endlich auf Sendung sind. Manche kommen aber auch ins Studio, um ihre Nachrichten dort direkt ins Mikrofon zu sprechen.

Herbin Hoyos mit Kopfhörer vor einem Mikrofon. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Aus Sicherheitsgründen sitzt er nicht mehr im Radiostudio: Moderator Herbin Hoyos. Karen Naundorf, SRF

Die Idee für die Radiosendung hatte der Moderator, als er einmal selbst entführt war. Im Lager traf er auf einen anderen Gefangenen: Er war ausgemergelt, an einen Baum gekettet und lag unter einer Plastikplane im Regen – mit einem Radioapparat am Ohr. «Warum macht ihr Journalisten nie etwas für die Entführten?» fragte der Mann.

Hoyos schwor, genau das zu tun, wenn er denn überleben sollte. 17 Tage war er gefangen, bis das Militär eine Befreiungsaktion startete. Dann begann er mit «Las Voces del Secuestro». Zunächst waren es nur 15 Minuten, in denen Verwandte Nachrichten an ihre Liebsten verlesen konnten. Schnell war klar, dass die Sendezeit nicht reichte.

Einziges Lebenszeichen für Geiseln

Fast 40‘000 Entführungen in Kolumbien zwischen 1970 und 2013, das ist die offizielle Ziffer. Ein Teil der Entführungen geht auf das Konto der FARC-Guerilla. Den Rest verantworten die marxistische ELN, paramilitärische Gruppen oder gewöhnliche Erpresser.

Auch heute soll es noch Hunderte von Entführten im Land geben. «Viele Angehörige rufen bei uns an, aber sie haben Angst, sich bei den Behörden zu melden», sagt Radiomoderator Hoyos. Obwohl die Sicherheitskontrollen im Sender so streng sind wie an einem Flughafen und Sprengstoff-Spürhunde im Einsatz stehen, moderiert Hoyos nicht vom Studio aus. Weil er zurzeit wieder einmal Morddrohungen bekommt, schaltet er sich aus der Ferne zu, in Echtzeit. Die Hörer merken gar nicht, dass sein Stuhl im Radiostudio leer bleibt.

Eine Frau hält ein Plakat mit dem Porträt ihres Bruders hoch. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Leonor Carreño hofft auch nach mehr als 20 Jahren noch darauf, dass ihr Bruder Jorge lebt und zurückkehrt. Karen Naundorf, SRF

Kein Kontakt während 20 Jahren

Oben im siebten Stock von Caracol Radio sitzen die Gäste bereits im Studio. Leonor Carreño ist nervös, blickt immer wieder auf ihren Schreibblock. Darauf hat sie die Nachricht notiert, die sie an ihren Bruder richten möchte: «Lieber Jorge, falls Du das hörst: Ich warte auf Dich.» Seit mehr als 20 Jahren hat sie nichts von ihrem Bruder gehört. Was sie herausfand, ist nicht viel: Männer zwangen den Forensiker in ein Auto. Danach verliert sich von ihm jede Spur.

Der General am Mikrofon

Ein Mann, der neben Carreño an dem hufeisenförmigen Studiotisch sitzt, hilft ihr, die grossen Kopfhörer aufzusetzen und rückt das Mikrofon näher an ihren Mund. Er ist selbst hier, um eine Nachricht abzusetzen, allerdings richtet er sich an die Entführer. «Lasst endlich alle Geiseln frei!»

Luis Mendieta und Leonor Carreño am Sendetisch mit Mikrofonen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der frühere General Luis Mendieta sitzt neben Leonor Carreño bereit für die Sendung. Karen Naundorf, SRF

General Luis Mendieta war elf Jahre lang von der FARC-Guerilla festgehalten worden. Die Haft war wie in einem Konzentrationslager der Nazis, sagt er. «Das Radio war unser Lebenselixier», erinnert er sich, seine Entführer gaben es ihm. Denn «sie können keine Geiseln brauchen, die die Lust am Leben verloren haben», sagt Mendieta. «Seit es unsere Sendung gibt, bringen sich kaum noch Gefangene um. Früher waren es zwölf von 100», sagt auch Hoyos.

Hoffnung und Halt für Geiseln und Angehörige

Nach elf Jahren Entführung sitzt Mendieta nun neben ihr im Studio – Leonor Carreño gibt das Hoffnung. Vielleicht sitzt ihr Bruder Jorge ja wirklich irgendwo im Urwald und hört ihren Gruss? Sie spricht zunächst mit fester Stimme ins Mikrofon, dann bricht sie in Tränen aus. Später sagt sie: «Es tut gut, im Radio zu Jorge zu sprechen.» Daran, dass viele Menschen mithören, wenn sie zu ihrem Bruder spricht, hat sie sich längst gewöhnt.

Porträt von Luis Mendieta im Anzug. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: General Luis Mendieta war selber während Jahren entführt. Karen Naundorf, SRF

«Meine Familie im Radio zu hören, hielt mich am Leben», sagt auch General Mendieta. Beim ersten Besuch im Studio umarmten er und Hoyos sich: «El abrazo de la libertad», die Umarmung der Freiheit, nennt der Moderator dieses Ritual. Über 11‘000 ehemalige Geiseln, die es zurück ins Leben schafften, hat er schon umarmt.

Hoyos verspricht, erst aufzuhören, wenn alle Entführten in Kolumbien befreit sind. Vermutlich ist «Voces del Secuestro» die einzige Radiosendung der Welt, deren Macher darauf hoffen, irgendwann keine Hörer mehr zu haben.