Die Fifa ermittelt, weil argentinische Fans an der Fussball-WM in US-Stadien mit rassistischen Gesängen und Gesten aufgefallen sind. SRF-Südamerika-Korrespondentin Karen Naundorf erklärt, was hinter den Vorfällen steckt.
Welche rassistischen Vorfälle wurden im WM-Kontext beobachtet?
Während der US-Streamer IShowSpeed am 3. Juli das Spiel Argentinien gegen Kap Verde in Miami verfolgte, sagte ihm ein Mann im argentinischen Trikot auf Spanisch, er solle «im Zoo weinen gehen». Beim Spiel gegen Ägypten imitierte ein argentinischer Fan gegenüber IShowSpeed einen Affen. Während einer öffentlichen Übertragung des Halbfinals in Brasilien wurde zudem ein argentinischer Tourist gefilmt, der einen Schwarzen Brasilianer mit einer Affengeste beleidigte.
Ist diese Art der Beleidigung auf den Fussball beschränkt?
Argentinien ist ein Einwanderungsland und eine warme, vielfältige Gesellschaft. Wie in anderen Ländern gibt es aber auch dort Rassismus und Diskriminierung – und den Kampf dagegen. Bis 2024 bestand eine eigenständige staatliche Behörde zur Bekämpfung von Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Die Regierung Milei löste sie im August 2024 auf und übertrug ihre Aufgaben dem Justizministerium. Was den Fussball betrifft: In Teilen der argentinischen Fankultur gilt die drastische Erniedrigung des Gegners als legitime Provokation. Der Fussball greift Vorurteile aus dem Alltag auf und verstärkt sie.
Wie repräsentativ sind die Fans in den USA für Argentinien?
Die Menschen, die bei einer WM in den USA im Stadion zu sehen sind, bilden keinen Querschnitt der argentinischen Bevölkerung. Eine solche Reise setzt Geld, Zeit und internationale Mobilität voraus. Hinzu kommen Argentinierinnen und Argentinier, die in den USA oder anderen Ländern leben und nicht eigens aus Argentinien angereist sind. Das bedeutet nicht, dass Reisende oder wohlhabendere Fans stärker zu Rassismus neigen. Es bedeutet aber, dass aus dem beobachteten Verhalten nicht auf die argentinische Bevölkerung insgesamt geschlossen werden kann. Zudem zeigen virale Videos meist besonders extreme Einzelvorfälle – nicht, wie sich die Mehrheit im Stadion verhält.
Was unterscheidet Argentinien von anderen Ländern Südamerikas?
Argentinien unterscheidet sich vor allem durch sein Selbstbild, besonders in Teilen der Eliten. Sie formten Argentinien seit dem 19. Jahrhundert gezielt als weisse und europäisch geprägte Nation. Damals wurde europäische Einwanderung gezielt gefördert, während indigene Gebiete militärisch erobert und die afroargentinische sowie indigene Geschichte aus der offiziellen Geschichtsschreibung weitgehend verdrängt wurden. Dieses Selbstbild gewisser Schichten steht im Widerspruch zur tatsächlichen Vielfalt der Bevölkerung: Viele Argentinierinnen und Argentinier haben indigene, europäische, afrikanische oder gemischte familiäre Wurzeln.
Wie werden die Vorfälle in Argentinien aufgenommen?
Die Reaktionen sind gespalten. Es gibt Medien, antirassistische Organisationen und auch Fans, die solche Gesänge klar verurteilen. Häufig werden sie aber als Fussballfolklore, Witz oder Provokation ohne rassistische Absicht abgetan. Rassismus im Fussball wird abstrakt verurteilt, im konkreten Fall jedoch oft relativiert oder nicht weiter aufgearbeitet.