Argentinische Fans sind an der Fussball-WM mehrfach mit rassistischen Gesängen und Gesten aufgefallen. SRF-Südamerika-Korrespondentin Karen Naundorf erklärt, was hinter den rassistischen Vorfällen argentinischer Fussballfans steckt.
Wie äussert sich der Rassismus argentinischer Fans?
Die offenste Form ist die Gleichsetzung schwarzer Menschen mit Affen oder Tieren. Schwarze Spieler und Fans werden mit Affengesten oder dem Wort «Macaco» beleidigt. Diese Art der Beleidigung richtet sich traditionell besonders gegen Brasilianer. Daneben wird schwarzen Europäern ihre nationale Zugehörigkeit abgesprochen. Es gibt einen argentinischen Fangesang, der etwa behauptet, die schwarzen Spieler Frankreichs seien eigentlich Afrikaner. Auf dritter Ebene treffen im argentinischen Vereinsfussball abwertende Gesänge auch Menschen indigener Herkunft oder aus armen Verhältnissen.
Ist dieser Rassismus auf den Fussball beschränkt?
Der Fussball erfindet diesen Rassismus nicht, er macht ihn aber lauter und enthemmter. In Argentinien wird gesellschaftliche Abwertung häufig über Hautfarbe, Herkunft und auch soziale Klasse zugleich ausgedrückt. Begriffe wie «Bolivianer» oder «Paraguayer» können als Schimpfwörter dienen, selbst wenn die betroffene Person gar nicht aus diesen Ländern stammt. Der Fussball greift Vorurteile aus dem Alltag auf und verstärkt sie. Die Erniedrigung des Gegners gehört im argentinischen Fussball fast zur Tradition.
Was unterscheidet Argentinien von anderen Ländern Südamerikas?
Argentinien unterscheidet sich vor allem durch sein Selbstbild. Die politische und intellektuelle Elite formte Argentinien seit dem 19. Jahrhundert gezielt als weisse und europäisch geprägte Nation. Im 19. Jahrhundert wurde europäische Einwanderung gezielt gefördert, während indigene Gebiete militärisch erobert und schwarze sowie indigene Historie aus Erzählungen verdrängt wurden. Das Land sah sich als modernere und gebildetere Ausnahme des Kontinents.
Wie werden die Vorfälle in Argentinien aufgenommen?
Die Reaktionen sind gespalten. Es gibt Medien, antirassistische Organisationen und auch Fans, die solche Gesänge klar verurteilen. Häufig werden sie aber als Fussballfolklore, Witz oder Provokation ohne rassistische Absicht abgetan. Rassismus wird abstrakt verurteilt, im konkreten Fall jedoch oft relativiert oder totgeschwiegen.
Wie reagieren Verband und Nationalmannschaft?
Bisher haben sich weder der Verband noch die Nationalmannschaft klar zu den aktuellen Vorfällen geäussert. Schon nach den rassistischen Gesängen der Nationalmannschaft bei der Copa América 2024 entschuldigte sich nur ein Spieler. Ein Regierungsvertreter, der Messi und den Verband zu einer Entschuldigung aufgefordert hatte, wurde danach sogar entlassen.