Ein gravierender Polizeifehler im Mordfall an einem weissen Studenten erhitzt in Grossbritannien die Gemüter. Nach der Veröffentlichung von Bodycam-Aufnahmen gingen in Southampton Hunderte auf die Strasse, es kam zu gewaltsamen Ausschreitungen. Der freie Journalist in Grossbritannien, Peter Stäuber, ordnet den Fall ein.
SRF News: Was ist genau passiert?
Peter Stäuber: Der 18-jährige Student Henry Nowak war im Dezember nachts in Southampton auf dem Weg nach Hause, als er auf einen 23-jährigen Mann traf, der ihn mit einem Messer attackierte. Als die Polizei eintraf, behauptete der Täter, er sei angegriffen und rassistisch beleidigt worden. Der Täter gehört zur Glaubensgemeinschaft der Sikh. Die Polizei glaubte ihm und legte den am Boden liegenden Nowak in Handschellen.
Auf den Videos der Bodycams der Polizei ist zu sehen und zu hören, dass das Opfer immer wieder sagt, er sei gestochen worden und er könne nicht atmen. Die Polizei glaubte ihm offensichtlich nicht. Nowak starb noch am Tatort. Es ist ein schockierender Fall, und es ist klar, dass die Polizei gravierende Fehler gemacht hat.
Mit welchen Botschaften sind die Menschen in Southampton auf die Strasse gegangen?
Der Protest richtete sich vor allem gegen die Polizei. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer riefen etwa «Rassistische Polizei, weg von unseren Strassen». Der breitere Vorwurf, den die Protestierenden und auch rechte Politiker und Aktivisten vorbringen, lautet, dass die Behörden weisse Briten benachteiligen würden und Menschen aus ethnischen Minderheiten Privilegien einräumten – ein zweistufiges System, bei dem Nichtweisse bevorzugt würden.
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Bild 1 von 4. Hunderte Menschen versammelten sich am Dienstagabend vor einer Polizeistation in Southampton. (2.6.2026). Bildquelle: Keystone/ Gareth Fuller.
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Bild 2 von 4. Dabei kam es zu teils gewaltsamen Protesten. (2.6.2026). Bildquelle: Keystone/ Jamie Lashmar.
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Bild 3 von 4. Die Menschen in Southampton skandieren «Ich kann nicht atmen». (2.6.2026). Bildquelle: Keystone/ Gareth Fuller.
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Bild 4 von 4. Die Veröffentlichung der Bodycam-Aufnahmen im Fall von Henry Nowak erhitzen in Grossbritannien derzeit die Gemüter. (2.6.2026). Bildquelle: KEYSTONE/Jamie Lashmar.
Der Chef der Rechtspartei Reform UK, Nigel Farage, hat dies der Polizei vorgehalten. Er sagte, dass die Beamten in diesem Fall aufgrund der politischen Korrektheit Angst hätten, als rassistisch gebrandmarkt zu werden, und deshalb weisse Briten besonders hart angehen würden.
Der Vorwurf des zweistufigen Justizsystems ist unbegründet.
Gibt es Hinweise, dass die britische Polizei ethnisch-religiösen Minderheiten Privilegien gewährt?
Es gibt für öffentliche Bedienstete – auch für die Polizei – Richtlinien, die sicherstellen sollen, dass es nicht zu rassistischer Diskriminierung kommt. Nur ist dies in der Realität oft nicht der Fall. Allerdings ist es nicht so, dass weisse Britinnen und Briten schlechter behandelt werden, im Gegenteil: Menschen aus ethnischen Minderheiten sind im Justizsystem einer systematischen Diskriminierung ausgesetzt. Das heisst natürlich nicht, dass dies immer der Fall ist. Nur lässt sich daraus kein breiterer Trend ablesen, wie es beispielsweise Farage tut. Der Vorwurf des zweistufigen Justizsystems ist unbegründet.
Der Vater des Opfers hat das Land explizit aufgerufen, den Tod seines Sohnes nicht zu missbrauchen.
Welche Rolle spielt die Anhängerschaft des Täters bei der religiösen Sikh-Gemeinschaft?
Die Rechte versucht, die Tatsache in den Vordergrund zu stellen, dass der Täter nicht weiss und das Opfer weiss ist, oder auch, dass der Täter ein zeremonieller Sikh-Messer benutzte. Vertreter der britischen Sikh-Gemeinde, die etwa eine halbe Million umfasst, betonen, dass es sich um eine einzelne Tat handelt, die nichts mit ihrer Religion zu tun hat.
Auch der Vater des Opfers hat nach dem Urteilsspruch gesagt, dass es hier nicht um Rassismus gehe und auch nicht um Sikhismus. Es gehe um Mord. Er hat das Land explizit aufgerufen, den Tod seines Sohnes nicht zu missbrauchen, um weitere Spaltung, Hass und Spannungen zu schüren.
Das Gespräch führte Nicolas Malzacher.