Der politische Umbruch kam an der Urne, der Realitätstest folgt nun im Alltag: Zwei Wochen nach den Lokalwahlen in England übernehmen neue Kräfte die Verantwortung in den kommunalen Gremien.
Die Rechtspopulisten der Partei Reform UK rund um Nigel Farage und die Grünen haben bei den Wahlen stark zugelegt – auf Kosten der etablierten Parteien: der regierenden Labour und den Konservativen.
Viele der neuen Politiker wurden gewählt mit dem Versprechen, tiefgreifende Veränderungen anzustossen. Doch genau dort, wo sie nun agieren, sind die Spielräume eng und die Erwartungen hoch. Was bedeutet Wandel, wenn die Mittel fehlen, ihn umzusetzen? Einschätzungen dazu gibt Colin Copus, emeritierter Professor für lokale Politik in Grossbritannien.
SRF News: Neue politische Kräfte übernehmen Verantwortung. Entsteht jetzt ein ganz anderes England?
Colin Copus: Nein, eher nicht. Die Handlungsspielräume der Gemeinden sind begrenzt – sie können nur innerhalb von gesetzlichen und finanziellen Vorgaben arbeiten. Egal, welche Partei an der Macht ist: Diese Rahmenbedingungen bleiben gleich. Viele Probleme, mit denen sich Gemeinden befassen, sind überall ähnlich.
Was sind solche Probleme?
Ein Thema, das im Wahlkampf immer wieder aufgekommen ist, ist der Strassenunterhalt, etwa im Zusammenhang mit Schlaglöchern. Viele Britinnen und Briten ärgern sich, wenn sie jeden Tag über das gleiche Loch fahren und ihre Autos beschädigt werden. Viele Bürger wenden sich auch an Gemeinderäte mit Problemen, für die diese gar nicht zuständig sind – etwa, wenn es Probleme bei der Terminfindung für eine Operation im Spital gibt. Trotzdem wird von ihnen erwartet, Lösungen zu finden. Es ist eine zentrale Aufgabe der Lokalpolitikerinnen und -politiker, eine Ansprechperson für die Bevölkerung zu sein.
Sind die Grünen und Reform UK überhaupt auf die neuen Aufgaben vorbereitet?
Reform UK und teilweise auch die Grünen sind vielerorts mit vielen neuen Leuten gleichzeitig an die Macht gekommen – oft ohne Erfahrung in der Lokalpolitik. Das führt zu einer Art Kulturschock. Neue Gemeinderäte müssen zuerst verstehen, wie Verwaltung funktioniert und was überhaupt möglich ist. Viele kommen mit grossen Erwartungen und merken dann schnell, dass politische Prozesse Zeit brauchen und stark reguliert sind. Es ist ein steiler Lernprozess – und für einige auch eine Ernüchterung.
Was könnten diese Entwicklungen für die nächsten nationalen Wahlen bedeuten?
Für Reform UK sind diese lokalen Erfolge sehr wichtig. Jetzt werden sie versuchen, zu zeigen, dass sie nicht nur protestieren, sondern auch regieren können. Genauso hat es die Labour-Partei in den 1980er- und 90er-Jahren gemacht. Stabil geführte Gemeinden durch Reform UK könnten Vertrauen aufbauen für nationale Wahlen. Gleichzeitig stehen sie stark unter Beobachtung. Jeder Fehler wird von den Medien stark thematisiert.
Welche Chancen ergeben sich dadurch, dass neue Kräfte in die Politik kommen?
Grundsätzlich ist das positiv. Neue Parteien bringen neue Perspektiven und oft auch Menschen mit ganz unterschiedlichen beruflichen Erfahrungen – aus der Wirtschaft oder dem sozialen Bereich. Das kann frischen Wind bringen und neue Ideen hervorbringen.
Das Gespräch führte Fiona Endres.