Globale Umweltbewegung ringt um mehr Einfluss

Dieser Tage finden rund um den Globus friedliche Proteste gegen die Kohle- und Ölindustrie statt. Start war am 3. Mai mit der Blockade des grössten Kohletagebaus in Grossbritannien. Es folgten Aktionen in Neuseeland und auf den Philippinen.

Eine Frau in einem weissen Kleid hält ein Schild «coal kills», sie wird von zwei Polizisten gefolgt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Coal kills», skandierte diese Umweltaktivistin am Wochenende in Australien, weil Kohle dem Klima einheizt. Reuters

Am 8. Mai haben 2000 Menschen mit ihren Kajaks den Hafen von Newcastle an der australischen Ostküste blockiert.

Dutzende wurden verhaftet, aber der weltgrösste Kohleverladehafen war für einen Tag lahmgelegt. Dank Twitter und Facebook hat die Welt das alles live miterleben können.

Nächsten Freitag wird eine Region auf der gegenüberliegenden Seite des Globus im Fokus sein: die ostdeutsche Lausitz. Dort hat der Braunkohletagebau über die Jahre mehrere Dörfer geschluckt.

Nächste Aktion in Deutschland noch geheim

Hannah Eichberger von der Organisation EndeGelände ist bereits in der Gegend unterwegs: «Wir bereiten eine Massenaktion des zivilen Ungehorsams in der Lausitz vor und möchten uns gegen den Kohletagebau richten.» Was die Umweltaktivisten genau vor haben, ist aus taktischen Gründen noch geheim. «Es geht uns darum, die Kohleförderung und -verstromung effektiv zu stoppen», sagt Eichberger. «Wie das genau aussehen wird, wird sich Ende der Woche zeigen.»

EndeGelände ist schon seit mehreren Jahren aktiv. Zuerst nur lokal, aber dann habe sich die Einsicht durchgesetzt, dass eine globale Vernetzung Vorteile bringe, sagt Eichberger. EndeGelände hat sich darum mit Gruppen aus aller Welt zur zweiwöchigen Aktion «Break Free from Fossil Fuels» zusammengetan – das Ziel: das Wegkommen von fossilen Brennstoffen.

Globalisierung – die Wirtschaft hat es vorgemacht

Die Umweltbewegung vollzieht damit eine Globalisierung, wie sie die Wirtschaft längst vorgemacht hat, sagt die Soziologin Lea Stahel von der Uni Zürich: «Viele Probleme sind international, etwa Klimaerwärmung oder Meeresverschmutzung. Das führt dazu, dass diese Probleme global angegangen werden müssen.»

Oftmals könnten einzelne Staaten multinationale Konzerne nicht wirksam kontrollieren. Da helfe es, wenn sich auch die Umweltbewegung global organisiert, um so auf die Weltpolitik einzuwirken.

«Auf politischer Ebene können sich solche Proteste langfristig auswirken, weil sie dazu beitragen, dass Werte und Normen global diffundiert werden», so Stahel. Dazu gehört zum Beispiel die Norm, dass wegen des aufgeheizten Klimas die Förderung von Kohle gestoppt werden sollte, wie es EndeGelände in der ostdeutschen Lausitz fordert.

Um die Proteste dort zu organisieren, war der Austausch über Internet und Soziale Medien von zentraler Bedeutung, sagt Eichberger von EndeGelände: «Es ist total toll zu sehen, dass wir Teil einer globalen Bewegung sind. Es gab auch Solidarität zwischen den Gruppen innerhalb von ‹break free›. Das gibt einerseits emotionale Unterstützung, und andererseits eine andere Art der Öffentlichkeit international.»

Angelockt von den Vorberichten, die EndeGelände im Internet verbreitet hat, werden am Freitag etwa 1000 Aktivisten aus verschiedenen Ländern in die Lausitz reisen.

Ärmere Länder profitieren von Social Media

Die Aktivistin Payal Parekh arbeitet bei der Dachorganisation von «Break Free from Fossil Fuels». In ärmeren Ländern seien viele Menschen vom normalen Medienstrom abgeschnitten, sagt sie. Aber über Soziale Medien seien sie zu erreichen: «Aktivisten in Indonesien waren so inspiriert von den verschiedenen Aktionen letzte Woche, dass sie nun selbst versuchen, eine Aktion zu organisieren.»

Die Aktivisten haben durch die geschickte Verbindung von Social Media und realen Initiativen einen globalen Schneeballeffekt erzielt. Dieser aber hat Grenzen, sagt die Soziologin Stahel: «Die Frage ist halt immer, ob sich die Personen, die online partizipieren, die kommentieren oder irgendwelche Petition unterschreiben, irgendwann auf die Strasse trauen, um zivilen Ungehorsam zu leisten.»

Zudem müssten solche Proteste über Jahre aufrechterhalten werden, bis sie in der Politik etwas bewirken. Das wissen auch die Aktivistinnen Parekh und Eichberger. Darum betonen beide: Die aktuellen Proteste werden nicht die letzten gewesen sein.

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