«Grexit»: Acht Fragen – acht Antworten

Noch sitzen die Spieler am Pokertisch. Doch: Was würde passieren, wenn der «Grexit» Tatsache wird? Die Antworten zu den wichtigsten Fragen liefert Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann.

Griechische Flaggen im Wind, im Hintergrund ist die Akropolis erkennbar, grauer Himmel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Rückkehr zur Drachme oder am Euro festhalten? Griechenland muss einen Weg aus der schwierigen Situation finden. Keystone

Was passiert, wenn die Verhandlungen mit der EU tatsächlich scheitern?

Ob es tatsächlich zum «Grexit» kommt, ist fraglich. Was aber sehr wahrscheinlich ist: Die griechischen Banken würden die Schalter schliessen, damit die Kunden ihre Konten nicht leeren. Hinzu käme die Einführung einer Kapitalverkehrskontrolle. Diese soll verhindern, dass griechische Bürger oder Banken Gelder ins Ausland transferieren. Dies würde an den Landesgrenzen kontrolliert. Im Inland würde der Zahlungsverkehr der Banken überwacht. Denn fliesst das ganze Kapital und Vermögen ins Ausland, ist Griechenland endgültig bankrott. Allerdings: Die Bevölkerung hat kein Vertrauen mehr in die griechischen Banken. Das zeigt sich darin, dass die Kapitalflucht bereits jetzt Realität ist.

Drohen chaotische Zustände?

Es muss nicht nicht zwingend zu einem Chaos kommen. Das hat man im Falle Zyperns gesehen. Dort hat man übers Wochenende verkündet, dass ab sofort nur noch ein definierter Maximalbetrag pro Tag abgehoben werden kann. Dieser Betrag war nur so hoch, um die Deckung der Lebenskosten zu gewährleisten. Gleichzeitig war auch die Kapitalverkehrskontrolle eingeführt worden. Dadurch war es nicht mehr möglich, Geld ohne staatliche Bewilligung ins Ausland zu transferieren.

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Tobias Straumann

Tobias Straumann

Tobias Straumann ist Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich. Er studierte unter anderem in Bielefeld, Paris und Zürich, war Visiting Scholar an der University of California at Berkeley. Er forscht hauptsächlich zur europäischen Währungs- und Finanzgeschichte und zur schweizerischen Wirtschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.

Wie würde die neue Währung eingeführt werden?

In einem ersten Schritt wird verhindert, dass die Bevölkerung ihre Konten leert oder das Vermögen ins Ausland geschafft wird. In einem zweiten Schritt werden die Bürger aufgefordert, die alten Euro-Banknoten bei Finanzinstituten abstempeln zu lassen. Mit dem Abstempeln wird der Schritt zu einer neuen, eigenen Währung vollzogen. Nach ein paar Wochen oder Monaten druckt die griechische Zentralbank neue Banknoten. Die abgestempelten Euro-Noten können dann bei den Banken gegen die neuen Banknoten eingetauscht werden – im Falle Griechenlands sind das wohl Drachmen.

Was passiert bei einem Austritt aus dem Euro mit den Löhnen? Können die Griechen dann nicht mehr Einkaufen gehen?

Das bedeutet nicht, dass danach kein Geld im Umlauf ist. Die Löhne würden immer noch ausgezahlt – einfach in der neuen, abgestempelten Währung. Konkret würde der griechische Bürger unmittelbar nichts merken. Allerdings: Es ist nicht klar, ob das Vertrauen in die neue Währung vorhanden sein wird.

Hat die neue Währung noch Wert?

Ja, allerdings würde sie sich gegenüber dem Euro stark abschwächen. Das heisst aber nicht, dass die Währung wertlos ist. Sie ist lediglich gegenüber dem Ausland weniger wert. Im Inland wäre sie aber immer noch etwas wert.

Was wären die Vorteile der neuen Währung?

Griechenland hätte dadurch wieder eine eigene Geld- und Währungspolitik. Der griechische Staat könnte also wieder selbständig die Banken stützen. Und er könnte dafür sorgen, dass die Preise im Inland wieder steigen. Zudem könnte die Zentralbank die Währung wieder abwerten. Dadurch würden Ferien in Griechenland billiger und der Tourismus wieder angekurbelt. Allerdings gibt es nicht nur Vorteile. So würden die Importe teurer. Für die Bevölkerung würde dies in einer ersten Phase bedeuten: Kaufkraftverlust. Griechenland wäre dann auf ausländische Hilfe angewiesen. Allerdings würde sich das Land danach wieder erholen.

Dann ist die Einführung einer neuen Währung kein Horrorszenario für die Bevölkerung?

Wenn die Sparpolitik so weitergeführt wird, stellt sich die Frage, was besser ist: Den Euro behalten oder die Rückkehr zur Drachme? Es wäre wichtig, dass die EU und Griechenland einen Kompromiss finden. Klar ist, dass Griechenland weiterhin sparen, aber keinen grossen Überschuss erwirtschaften muss. Dies würgt nämlich die griechische Wirtschaft ab. Das ist genau das Ziel der Tsipras-Regierung. Dazu müssen die Euroländer Hand bieten. Andernfalls wäre Griechenland tatsächlich gezwungen, aus dem Euro auszutreten.

Was würde ein Austritt Griechenlands für Europa bedeuten?

Es besteht ein grosses Risiko, dass andere Länder Südeuropas danach ebenfalls mit einem Euro-Austritt liebäugeln. So gesehen, sitzt Griechenland am längeren Hebel. Die Frage ist, ob die Gegenseite bereit ist, das Risiko eines Euro-Austritts in Kauf zu nehmen. Allerdings: Die Tsipras-Regierung kann keine Kompromisse eingehen. Sie hat den Auftrag vom Volk, neue Bedingungen auszuhandeln. Schafft sie das nicht oder macht Versprechungen gegenüber der EU, wird die neue griechische Regierung rasch wieder abgewählt.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Griechenland bittet um Kredite

    Aus Tagesschau vom 18.2.2015

    Nun also doch: Griechenland bittet um eine Verlängerung der laufenden Rettungskredite. Noch heute will Finanzminister Yanis Varoufakis einen Antrag stellen. Die von der Euro-Gruppe verlangten Sparmassnahmen sind aber bisher von der griechischen Regierung strikt abgelehnt worden.

  • FOKUS: Eurozone ohne Griechenland?

    Aus 10vor10 vom 17.2.2015

    Wenn Griechenland seine Kreditzinsen nicht mehr zahlen kann und die Verhandlungen mit den europäischen Geldgebern scheitern, bleibt für die Griechen nur noch der Austritt aus dem Euroraum. «10vor10» zeigt, was passiert, wenn es tatsächlich zum «Grexit» kommt.