Kamele gelten als die Schiffe der Wüste: Sie tragen Lasten durch die Wüste, liefern Milch und kommen mit extremer Hitze besser zurecht als fast jedes andere Nutztier. Doch am Horn von Afrika ist es mittlerweile auch für die einhöckrigen Kamele, die Dromedare, zu heiss. Afrika-Korrespondentin Sarah Fluck über die dramatischen Zustände und die Existenzängste der Bewohner.
Wie zeigt es sich, dass die Tiere an ihre Grenzen stossen?
Hirtinnen und Hirten berichten von Dromedaren, die kaum noch weiterlaufen können. Manche haben tränende Augen, andere Blasen an den Füssen. Und wenn sie sich in diesen aufgeheizten Sand legen, dann kann die Haut am Bauch und an den Beinen regelrecht verbrennen. Teilweise fällt an gewissen Stellen sogar das Fell aus. Zudem fressen die Tiere durch den Hitzestress auch weniger. Sie verlieren Gewicht, geben weniger Milch. Gleichzeitig wird ihr Immunsystem schwächer und dadurch werden sie anfälliger für Infektionen. In den besonders betroffenen Regionen beobachten Tierärztinnen und Tierärzte bereits heute mehr Todesfälle, vor allem bei den Jungtieren.
Dromedare sind normalerweise hitzeresistent. Wieso leiden die Tiere trotzdem?
Mit Aussentemperaturen bis zu 40 Grad kommen sie normalerweise sehr gut zurecht. Das hat damit zu tun, dass sie ihre Körpertemperatur tagsüber ansteigen lassen können. Und dadurch müssen sie weniger schwitzen, das heisst, sie sparen auf diese Art Wasser. Aber bleibt es über längere Zeit deutlich heisser und kühlt es zudem in der Nacht nicht ab, können Sie die Wärme nicht mehr richtig loswerden.
Rund 80 Prozent aller Kamele weltweit leben in Afrika, ein Grossteil davon im Osten. Was bedeutet das für diese Region?
Dromedare sind in dieser Region ungefähr das, was Kühe früher in der Schweiz waren. Sie geben Milch, stehen für Wohlstand und sichern eine Familie finanziell ab. Früher standen am Horn von Afrika in vielen Gemeinschaften vor allem Rinder im Zentrum. Nachdem in den letzten Jahren Dürren vielerorts länger und häufiger geworden sind, sind viele Familien von Rindern auf die widerstandsfähigeren Dromedare umgestiegen. Dieser Wandel hat sogar Auswirkungen bis hin zu Hochzeitsritualen: Als Brautgabe, also als Geschenk der Familie des Bräutigams an die Braut, werden heute teilweise Dromedare statt Rinder verlangt. Wird also ein Dromedar krank oder stirbt es, dann verliert eine Familie das Einkommen, das Transportmittel und ihre wichtigste Notreserve.
Welche Alternative gibt es für die Familien?
Aktuell keine richtige. Heutzutage teilen die Familien ihre Herde auf: Die milchgebenden Tiere bleiben in der Nähe der Häuser, weil besonders die Kinder der Familie auf die Milch der Dromedare angewiesen sind. Mit dem restlichen Teil der Herde ziehen die Hirtinnen und Hirten je nach Jahreszeit weiter zu Wasser und Weiden. Wenn nun diese Regionen dauerhaft zu heiss und trocken werden, reicht dieses saisonale Wandern nicht mehr. Die Familien müssen weiter nach Süden ziehen, weg von ihren Schulen, von den Märkten, von vertrauten Wasserstellen usw. An den neuen Orten gibt es dann höchstwahrscheinlich bereits Hirten und Bäuerinnen, was wiederum zu neuen Konflikten führen wird.