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Hitzemarsch in Indien Die Klimakrise ist in Indien längst spürbar

Die 50 heissesten Städte des Planeten sind in Indien. Auf dem Subkontinent werden die Hitzewellen extremer und häufiger. Doch Politiker haben die Hitze noch nicht auf die Agenda gehoben. Eine Gruppe von Architektinnen, Ingenieuren und Aktivisten will das ändern. Sie organisiert Hitzemärsche.

Es ist kurz vor Mittag. Und schon rinnt der Schweiss den Teilnehmenden dieses ersten Hitzemarsches in Mumbai in Strömen den Körper hinunter. «Es ist richtig heiss heute. Passt auf, dass ihr genug trinkt», rät Mitinitiatorin Deepa Kamath.

Mehrere Personen in lässiger Kleidung stehen im Freien und unterhalten sich.
Legende: Zu Beginn des Hitzemarsches erklärt Mitinitiator Vivek Gilani die Messgeräte. SRF/Maren Peters

Gut 33 Grad misst das Thermometer hier in Goregaon East, ganz im Norden der Tropenstadt Mumbai. Dabei hat der indische Sommer noch gar nicht richtig begonnen.

Arme am wenigsten geschützt

Die Gruppe bleibt am Rand einer verwitterten Betonsiedlung stehen. Viele Etagen, Hunderte Wohnungen, kein Baum weit und breit.

Diese Häuser sind in so engem Abstand gebaut, dass der Wind an ihnen vorbeiweht.
Autor: Vivek Gilani Umweltingenieur

Hier leben arme Arbeitsmigrantinnen, Rikschafahrer, Köchinnen, Strassenwischer. Sie sind es, die am wenigsten geschützt sind gegen die Hitze und am meisten darunter leiden. «Diese Häuser sind in so engem Abstand gebaut, dass der Wind an ihnen vorbeiweht», sagt Umweltingenieur Vivek Gilani. Dabei könnten die Wohnungen drinnen Durchzug gut gebrauchen.

Blick durch ein Fenster auf ein altes Wohngebäude mit zahlreichen Balkonen und hängenden Kabeln.
Legende: Blick aus dem Fenster: Kein Baum und kein Lüftchen weit und breit. SRF/Maren Peters

Gilani klopft gegen eine Aussenmauer. Die Bauherren bauten Wände so dünn wie möglich, um Kosten zu sparen. Das führe dazu, dass die Wände die Aussenhitze nicht abschirmten. «In den Wohnungen ist es deshalb fast genauso heiss wie draussen.»

Tageshöchstwerte von 46 Grad

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Am 27. April 2026 passierte etwas, was es noch nie vorher gegeben hatte: Die 50 heissesten Städte der Welt wurden allesamt in Indien gemessen, durch die Schweizer Plattform AQI. Das sei nicht normal im April, hiess es dort.

Die Temperatur erreichte Tageshöchstwerte von mehr als 46 Grad Celsius. Hitze hat es auch früher gegeben, aber in Indien werden die Wellen extremer und häufiger. In Städten ist es noch heisser als auf dem umgebenden Land.

Das liegt am Inseleffekt: In Städten gibt es weniger Bäume, dafür mehr Beton und Asphalt, die Hitze speichern, und aufgrund enger Bebauung gibt es auch weniger Luftzug.

Deshalb hätten viele Mittelstandswohnungen eine Klimaanlage, sagt der Ingenieur. Für ihn sind Klimaanlagen die Ausrede für schlechtes Bauen.

Klimaanlagen heizen Klima weiter auf

Seine Organisation Fairconditioning hat das Ziel, durch besseres Bauen und Aufklärung von Klimaanlagen wegzukommen. Diese verbrauchten Energie, produzierten klimaschädliche Emissionen und heizten das Klima weiter auf.

Enge Gasse zwischen alten Gebäuden mit Wäscheleinen und Müll auf dem Boden.
Legende: In den Betonklötzen in der Armensiedlung Shiv Shahi Punarvas, einem Vorort der Wirtschaftsmetropole Mumbai, staut sich die Hitze. SRF/Maren Peters

Farhad Sayed wohnt im siebten Stock und hat keine Klimaanlage. Das einzige Fenster ihrer Einzimmerwohnung direkt unter dem Dach ist weit geöffnet. Die Luft steht trotzdem still.

«Wenn ich abends von der Arbeit nach Hause komme, ist es besonders heiss», sagt die Mutter einer achtjährigen Tochter. Wenn sie mit Gas koche, werde es noch wärmer. Nachts könne sie wegen der Hitze erst gegen vier Uhr einschlafen, um sieben wache sie wieder auf. Sie schliefen am Boden. Da sei es etwas kühler als im Bett.

Was gegen Hitze hilft, kann dem Klima schaden

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In Indien haben schätzungsweise gut zehn Prozent der Haushalte eine Klimaanlage. Doch mit steigender Temperatur und steigendem Wohlstand dürfte sich die Zahl bis 2050 verneunfachen, schätzt die Internationale Energieagentur. Der Verkauf boomt. Das belastet Klima und Umwelt, denn sie verbrauchen viel Strom, der in Indien vor allem aus Kohle stammt, und nutzen klimaschädlichen Kältemitteln.

Die UNO-Umweltagentur UNEP schlägt drei Alternativen zu Klimanlagen in Städten vor. Zum einen passives Kühlen, durch mehr schattenspendende Bäume oder weisse Anstriche auf Dächern. Zweitens: energieeffizientere Geräte, die vom Staat finanziert werden sollten. Drittens: die Wiederbelebung alter Bautechniken und -Materialien, die Hitze besser herunterkühlen als die vielen Glas- und Betongbäude, die in Städten wie Mumbai gebaut werden.

Ingenieur Vivek verteilt Messgeräte. Und fordert die Gruppe auf, erst die Temperatur an Wänden und Decke und dann die Luftfeuchtigkeit zu messen. Es ist mehr als 34 Grad Celsius warm.

Die fast 70-prozentige Luftfeuchtigkeit lässt die gefühlte Temperatur noch einmal um ein paar Grade steigen. In einer Ecke des Raumes steht ein vergilbter elektrischer Raumkühler.

Hand hält digitales Infrarot-Thermometer in einem Raum.
Legende: Temperaturmessung in einer Wohnung: 34.6 Grad, bei hoher Luftfeuchtigkeit fühlt sich die Hitze noch heisser an. SRF/Maren Peters

Doch der funktioniere nicht, sagt Farhad Sayed. Sie vermutet, wegen der feuchten Luft. Eine richtige Klimaanlage könne sie sich nicht leisten. Alles, was sie mache gegen die Sommerhitze, sei: viel zu trinken. 

Nach zwei Stunden ist der Marsch vorbei. Zum Abschluss sollen die verschwitzten Mitmarschierenden sagen, was sie gegen die Hitze tun würden. Die Tour soll zum Denken anregen und vor allem: zum Handeln.

Wir wollen zeigen, dass die Klimakrise keine ferne Bedrohung, sondern längst da ist.
Autor: Vivek Gilani Umweltingenieur

Hitze sei zwar bestens erforscht, sagt Umweltingenieur Gilani. Es gebe auch indienweit Dutzende Hitzeaktionspläne. Was aber fehle, sei die Umsetzung. Mit dem Hitzemarsch wollen er und seine Mitstreiter aufrütteln. «Wir wollen zeigen, dass die Klimakrise keine ferne Bedrohung ist, sondern längst da.»

Dann muss Vivek Gilani los. Es gibt noch viel zu tun im Kampf gegen die Hitze.

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