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40'000 Gäste reisen an die aktuelle Klimakonferenz – fast ausschliesslich per Flugzeug
Aus SRF 4 News vom 07.11.2022.
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Kyoto, Paris, Glasgow Drei Jahrzehnte Klimagipfel: Was haben sie gebracht?

Seit den Neunzigerjahren treffen sich die politischen Vertreter der Weltgemeinschaft fast jährlich für zwei Wochen, um Lösungen für die Klimakrise zu finden. Nicht immer sind sie dabei gleich erfolgreich, denn es prallen knallharte Interessen aufeinander.

Gewarnt hatten US-amerikanische Wissenschaftler schon in den 1960er-Jahren: Die Verbrennung grosser Mengen fossiler Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas wirken sich aufs Klima aus.

Und tatsächlich wird in den Folgejahren immer deutlicher, dass die Menge an Treibhausgasen wie CO2, Methan oder Lachgas stabilisiert werden muss, damit die globale Temperatur nicht weiter ansteigt.

Demonstrantin am Umweltgipfel 1992
Legende: Militärpolizisten riegeln 1992 den Zugang zum Umweltgipfel in Rio de Janeiro ab und verhindern, dass ein Protestbrief der indigenen Völker übergeben wird. AP Photo/Eduardo Di Baia

1992, auf dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro, wird deshalb das «Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen» verabschiedet.

Darin setzen sich 154 Staaten ein gemeinsames Ziel: den Planeten so zu nutzen, dass den nächsten Generationen dieselben Möglichkeiten zur Verfügung stehen wie den vergangenen.

Aber wie? Um das miteinander zu verhandeln, kommen die Vertragsländer seit 1995 jedes Jahr an einem Klimagipfel zusammen. Dort wird schnell klar: Es braucht konkrete Verpflichtungen.

Wieso ist das Kyoto-Protokoll so berühmt?

Die Verpflichtungen erfolgen 1997, auf der dritten Weltklimakonferenz in der japanischen Stadt Kyoto. Die Länder einigen sich erstmals bindend darauf, ihre Treibhausgasemissionen zu senken.

38 Industriestaaten, die Hauptverursacher der Klimaerwärmung, setzen sich in einer ersten Periode das Ziel, den Ausstoss von CO₂ um mindestens 5.2 Prozent gegenüber 1990 zu verringern. Für eine zweite Periode bis 2020 werden diese Ziele noch verschärft.

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Archiv: Im «Protokoll von Kyoto» verpflichten sich Industriestaaten zur Reduktion der Treibhaus-Gase
Aus Tagesschau vom 11.12.1997.
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«Kyoto wird oft schlechtgeredet. Aber es hat funktioniert – alle Staaten haben ihre Ziele erreicht», sagt Axel Michaelowa, Experte für internationale Klimapolitik an der Uni Zürich.

Das Problem: Einzig die Industrieländer verpflichten sich. Die damaligen Schwellen- und Entwicklungsländer werden nicht in die Pflicht genommen, obwohl beispielsweise der CO2-Ausstoss von China, Brasilien oder Indien kontinuierlich steigt. «Damals wurde ein eiserner Vorhang zwischen Industrie- und Entwicklungsländer gezogen, der bis heute problematisch ist», so Michaelowa.

Globaler Klimaschutz funktioniert eben nur, wenn sich alle daran beteiligen.

Warum aus «Hopenhagen» ein Desaster wird

An der 15. Klimakonferenz in Kopenhagen im Jahr 2009 soll das Abkommen von Kyoto auf alle Länder erweitert werden. Die Hoffnungen sind gross, aus Kopenhagen wird «Hopenhagen». Doch die Konferenz gerät zum Desaster.

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Archiv: Ernüchterung nach Klimagipfel
Aus Tagesschau vom 19.12.2009.
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«Die grossen Schwellenländer sagten damals ‹Nein, da machen wir nicht mit. Der Kampf gegen den Klimawandel ist ein Problem der Industrieländer›», so Axel Michaelowa. Doch die Definition, wer Industrieland ist und wer nicht, stammt von 1992. Einige dieser Länder sind längst keine Schwellenländer mehr. Allen voran China.

Die Krux mit dem 2°C-Ziel

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Ein Jahr nach Kopenhagen, auf dem Gipfel in Cancun 2010, einigte sich die UN-Klimakonferenz nach zähem Ringen auf das 2°C-Ziel: 193 Staaten verständigten sich, dass sich die Erde bis Ende des Jahrhunderts um höchstens zwei Grad Celsius erwärmen darf. Basis für diesen Entscheid ist damals der IPCC-Report. «Es brauchte eine Zielgrösse, die politisch leicht kommuniziert werden kann», sagt Klimaforscher David Bresch.

Anstelle der Temperatur als Zielgrösse hätte man laut Bresch auch ein CO₂-Budget festlegen können, was jedoch schwieriger zu vermitteln gewesen wäre. «Ob CO₂-Budget oder Zielband der Erwärmung: Wichtig war und ist, dass ein Ziel festgelegt wurde.»

Diese Patt-Situation ist das Ende von «Kyoto». Ein Nachfolgevertrag muss her. Bis zur nächsten grossen Konferenz in Paris muss vieles wieder zusammengekittet werden.

Das Abkommen von Paris – gilt es noch immer?

Der 21. Klimagipfel 2015 in Paris bringt schliesslich das Übereinkommen, das bis heute gilt: 197 Staaten verpflichten sich, die globale Erwärmung «deutlich unter 2 Grad Celsius» zu halten und «Anstrengungen zu unternehmen», sie auf 1.5 Grad zu begrenzen. Diesmal sind Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer gleichermassen mit an Bord.

Nicht alles dabei ist unproblematisch: Zwar soll die Welt 2050 klimaneutral sein. Die Nutzung von Kohle, Gas und Erdöl ist aber nach wie vor erlaubt. Zudem werden – im Gegensatz zu Kyoto – keine verpflichtenden Ziele festgeschrieben. Stattdessen legen die Vertragsstaaten ihre Ziele selbst fest, in sogenannten NDC – den «Nationally Defined Contributions». Alle fünf Jahre findet eine globale Bestandsaufnahme statt.

Beliebigkeit: das Problem der NDC

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Die NDC sind fest in die Architektur des Übereinkommens von Paris eingebettet: Alle Staaten legen selbst definierte nationale Klimaschutzziele vor, die das 2°C-Ziel unterstützen. Allerdings sind die Ziele nicht völkerrechtlich bindend und es gibt keinerlei Sanktionen, wenn ein Staat seine Massnahmen nicht einhält.

Stattdessen wird auf Best Practice und den öffentlichen Druck gebaut, der die Staaten dazu bringen soll, ihre Ziele zu erfüllen und stetig weiterzuentwickeln.

Der Haken daran: Es ist schwierig, diese Ziele zu vergleichen. «Jedes Land teilt das anders mit, es gibt keine einheitlichen Messwerte. Die Länder sind bei der Festlegung ihrer Verpflichtungen frei», sagt Klimawissenschaftler David Bresch.

Nach Kyoto hatten sich viele Länder, allen voran die USA, China und Indien, gegen verbindliche Klimaschutzziele gewehrt. Sie wollten ihre staatliche Unabhängigkeit wahren.

2018 haben erstmals 167 Staaten ihre Ziele eingereicht. Der Climate Action Tracker versucht, eine Einheitlichkeit herzustellen. Demnach würde jedoch auch bei vollständiger Umsetzung der NDC die Erderwärmung im Jahr 2100 bei 2.8 Grad liegen.

Und dann kam Greta

2018 im polnischen Kattowitze soll die konkrete Umsetzung des Pariser Klimaabkommens vorangetrieben werden. Dieser Gipfel gilt als der Wichtigste seit Paris.

Die Dringlichkeit zu handeln, wird immer spürbarer: Extremwetterereignisse häufen sich, Gletscher schmelzen rapide, Hitzeperioden nehmen zu und die öffentliche Wahrnehmung verändert sich. Klimaskeptiker werden immer weniger.

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Archiv: Der Greta-Effekt
Aus nano vom 22.02.2019.
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In diesem Umfeld fordert die damals 15-jährige schwedische Schülerin Greta Thunberg auf der Konferenz die Politikerinnen und Politiker auf, endlich etwas zu tun. Und ihre Botschaft findet Gehör – weltweit.

Greta Thunberg inspiriert und politisiert eine ganze Generation. «Es war die Geburt der ‹Fridays for Future›-Bewegung und hat die Wahlergebnisse in den westlichen Industrieländern stark beeinflusst», so Axel Michaelowa. Das habe dazu beigetragen, dass der Klimagipfel in Glasgow drei Jahre später ein Erfolg wurde.

Wir brauchen jetzt einen Erfolg

2021 in Glasgow erklären sich nicht nur die 100 Staaten mit den weltweit grössten Waldgebieten bereit, ab 2023 Rodungen zu stoppen.

Erstmals wird auch ein expliziter Plan vorgelegt, um die Nutzung von Kohle zu beenden, die für 40 Prozent der weltweiten jährlichen CO₂-Emissionen verantwortlich ist. Es sollen keine neuen Kohlekraftwerke mehr finanziert werden – konkrete Ausstiegsdaten jedoch gibt es nicht.

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Bilanz zum COP26 in Glasgow
Aus Tagesschau vom 14.11.2021.
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«Leider ist nun die Ukraine- und Energiekrise dazwischen gekommen», sagt der Experte für Klimapolitik Axel Michaelowa. «Ich fürchte, das wird uns viele Jahre belasten.»

Wie weiter?

Die 27. Klimakonferenz in Sharm El-Scheikh ist die bisher grösste. Dass sie in die Geschichte eingehen wird, bezweifeln Expertinnen und Experten schon jetzt. Doch eines ist neu: Die Finanzierung von Klimaschäden, «Loss and Damages», steht erstmals offiziell auf der Traktandenliste.

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Entwicklungsländer fordern Entschädigung an Weltklimakonferenz
aus Rendez-vous vom 07.11.2022.
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Dass die Industriestaaten den ärmeren Ländern im Kampf gegen die Klimaerwärmung helfen sollen, fordern diese schon lange – doch wie genau die Gelder fliessen, wird nun diskutiert.

SRF4 News, 07.11.2022, 08:14 Uhr

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