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Wahlen in den Niederlanden «Holland hat eine ausgeprägte Jammerkultur»

Die Niederlande wählen mitten im Wirtschaftsaufschwung. Doch Unsicherheiten drücken auf die Stimmung.

Legende: Audio Was bedrückt die niederländischen Wähler am meisten? abspielen. Laufzeit 4:42 Minuten.
4:42 min, aus SRF 4 News aktuell vom 15.03.2017.

Heute stimmen die Niederlande über ein neues Parlament ab. Im Wahlkampf vor vier Jahren prägten eine Immobilienkrise und die Sparpolitik das Land. Fragen zum heutigen Zustand von Wirtschaft und Befindlichkeit an SRF-Korrespondentin Elsbeth Gugger in Amsterdam.

SRF News: Viele Wirtschaftsexperten stellen den Niederlanden ein gutes Zeugnis aus, zu Recht?

Elsbeth Gugger: Die Niederlande haben die Rezession definitiv hinter sich gelassen. Die Arbeitslosigkeit ist gesunken, insbesondere bei den Jungen und jenen, die 55-jährig oder älter sind. Die Wirtschaft wächst und der Immobilienmarkt boomt. Die Niederlande sind vom EU-Schlusslicht wieder fast zum EU-Musterschüler geworden.

Die wirtschaftliche Lage ist also bedeutend besser als vor vier Jahren?

Es ist kein Vergleich. Die sehr strengen Sparmassnahmen, die vielen wehgetan haben, zeigen Wirkung. Ungeachtet dessen kritisieren viele Wirtschaftsexperten, dass der Arbeitmarkt zu stark flexibilisiert worden sei. Der Präsident des Gewerkschafsbundes rief diese Woche die Politik auf, mehr feste Stellen zu schaffen und die Abwärtsspirale zu brechen.

Viele Betriebe haben Angestellte entlassen und mieten sie zu wesentlich schlechteren Konditionen wieder an.

Zum Vergleich: 2004 hatte 73 Prozent der Arbeitsbevölkerung einen unbefristeten Arbeitsvertrag, im vergangenen Jahr waren es noch 61 Prozent. Die Tendenz ist immer noch stark sinkend. Viele Betriebe haben ihre Angestellten entlassen und mieten sie jetzt je nach Bedarf zu wesentlich schlechteren Konditionen wieder an.

Die Arbeitslosenquote liegt bei 5,3 Prozent, das Wirtschaftswachstum bei überdurchschnittlichen 2,1 Prozent. Warum hilft das den Regierungsparteien im Wahlkampf kaum?

Es ist ein grosses Rätsel, warum sie aus einem so guten Leistungsausweis nicht oder nur bedingt Kapital schlagen können. Der rechtsliberale Premier Mark Rutte wie auch der sozialdemokratische Vizepremier Lodewijk Asscher liessen sich zu diesem Thema erst in den letzten Tagen verlauten. Vielleicht war das im Fall von Asscher zu spät und mit ein Grund, dass die Sozialdemokraten in den Umfragen so weit zurückliegen.

Der Populist Geert Wilders sammelt die Stimmen der Unzufriedenen. Ist der Aufschwung bei den Normalbürgern nicht richtig angekommen?

Der Aufschwung ist angekommen. Die Menschen wagen es wieder, Geld auszugeben und zu investieren. Es gibt aber diese Unsicherheit, die zum einen mit den flexiblen Arbeitsverträgen und zum anderen mit dem Thema Immigration zusammenhängt. Das darf nicht unterschätzt werden. Für einen Teil der Bevölkerung kommen zu viele Fremde ins Land, was ihnen Angst macht. Diese Menschen bedient Wilders mit seinen Anti-Immigrations-Voten. Zudem gibt es bei vielen Menschen einen Widerstand gegen die Erhöhung des Rentenalters, das unter Rutte von 65 auf 67 Jahre angehoben wurde. Auch in diese Bresche ist Wilders gesprungen.

Wirtschaftliche Unsicherheit ist also auch in den Niederlanden der Nährboden für Populismus?

Ohne Zweifel. Es gibt eine Studie aus den 1990er Jahren. Sie besagt, dass es 20 Prozent Unzufriedene gibt, die zum Rechtspopulismus neigen, und zwar unabhängig davon, ob es ihnen gut oder schlecht geht. Es gibt aber noch etwas, das nichts mit dem Nährboden für Populismus zu tun hat: die sehr ausgeprägte Jammerkultur in den Niederlanden.

Das niederländische Volk klagt sehr gerne, sehr oft und sehr laut und am liebsten im Kollektiv – mit und ohne Grund.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Thomas Mann (Freidenkerin)
    Da haben wir SchweizerInnen mit den NiederländerInnen (Holland ist nur ein Teil der Niederlande, nämlich die zwei Provinzen Nord- und Südholland) ja was gemeinsam. Ewiges Klagen und Motzen auf höchstem Niveau. Wobei ich mit Niveau den Lebensstandard meine, nicht die Wortwahl.
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  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    Das sagt einfach alles: « Viele Betriebe haben Angestellte entlassen und mieten sie zu wesentlich schlechteren Konditionen wieder an. » Und da gehen die tatsächlich auch noch von einem Wirtschaftsaufschwung aus. Ratet mal wer da effektiv verliert und auf der Strecke bleibt. Zynische Verklärungen eines Missstandes beseitigen den Missstand nicht.
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  • Kommentar von marlene Zelger (Marlene Zelger)
    Leider verliert der rechtspolitische Kandidat. Es zeichnet sich tatsächlich eine stark aufstrebende Macht der linken Sozialisten ab, ausgelöst durch die neue Regierung Trump. Nächsten Monat folgt Frankreich. Wird Frankreich auch das gleiche Schicksal wie die Niederlande und weitere links regierte Staaten treffen? Sollte der Sozialismus tatsächlich europaweit dominieren, sehe ich sehr schwarz für die Zukunft Europas - ja gar die Islamisierungt des Kontinents.
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    1. Antwort von Henri Jendly (Henri Jendly)
      @Zelger: den Verdacht hegte ich schon länger - aber mit diesem Post bestätigen Sie meine Befürchtungen: Sie sehnen sich tatsächlich ein diktatorisches System herbei. Mein Tipp: Türkei ist auf dem Weg dahin, China mittendrin, Russia feiert in grossen Teilen den 60. Todestag von Stalin - die Auswahl wäre riesengross. Suchen Sie sich das geeignete aus.
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    2. Antwort von Stefan Perner (s.perner)
      @ Zelger Sie scheinen leider wenig Ahnung von der niederländischen Politik zu haben. Sieger Rutte mit der VVD wäre in der Schweiz voll auf SVP Linie! Er hat die Burka verboten, türkische Politiker nicht ins Land gelassen etc. Der einzige Unterschied ist die EU Frage, gerade auch zu Wilders. Die Sozialdemokraten haben klar verloren.
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