Humanitäre Hilfe auf Rekordstand – doch es reicht nicht

Noch nie hat die Weltgemeinschaft so viel Geld für humanitäre Hilfe ausgegeben wie heute. Doch trotz Rekordbudget reichen die Mittel nicht für alle Krisenherde, wie Hilfsorganisationen zum UNO-Welttag der humanitären Hilfe erinnern. Fragen zu den Hintergründen an Auslandredaktor Fredy Gsteiger.

Die Anforderungen an die humanitäre Hilfe sind in den vergangenen Jahren laufend gestiegen. Für dieses Jahr werden über 20 Milliarden Dollar benötigt, um Notlagen weltweit zu mildern. Das ist mehr als je zuvor, und doch rufen die Hilfsorganisationen zu zusätzlichen Spenden auf.

SRF News: Weshalb reichen die vorhandenen Mittel nicht aus?

Frau geht durch Ruinen in Jemens Hauptstadt Sanaa. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Grosses Leid, doch bei kriegerischen Notlagen wie in Jemen ist die Spendenwilligkeit meist gering. Keystone/Archiv

Fredy Gsteiger: Die Zahl der Hilfsbedürftigen hat sich gemäss UNO-Schätzungen innerhalb der letzten zehn Jahre mehr als verdoppelt. Zudem sind sehr viele und auch langdauernde Konflikte im Gang. Etwa in Irak und Syrien oder Jemen, wo zurzeit fast zwei Drittel der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Zu denken ist auch an das Erdbeben in Nepal und den Konflikt im Südsudan. Damit wächst selbst bei steigenden Mitteln der Bedarf noch schneller.

So sind die Hilferufe der Organisationen für mehr Geld also nicht vor allem taktisch zu verstehen?

Es gibt diese taktischen Notrufe, und gelegentlich wird auch etwas dramatisiert, um die Spendenbereitschaft anzukurbeln. Wenn aber Hilfsorganisationen und selbst grosse UNO-Programme wie das Welternährungsprogramm mangels Geld ganze Programme schliessen oder zurückfahren müssen, ist das ein Zeichen für eine dramatische Lage.

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Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

Zu bedenken ist auch, dass in der heutigen globalisierten Welt jeder entlegene Konflikt irgendwo auf dem Radar ist. Das erhöht den Druck, möglichst überall zu helfen. Zugleich wachsen die Anforderungen an die Qualität der humanitären Hilfe. Auch in früheren Jahrzehnten gab es vielerorts Konflikte, doch man half nur gemäss den Möglichkeiten und wo man den Eindruck hatte, etwas bewirken zu können.

Ein Problem ist laut den Hilfsorganisationen, dass viele Spender nur für spezifische Projekte Geld geben wollen. Warum lassen sich die Organisationen darauf ein?

Weil sie müssen. Denn viele Spender sind schlicht nicht bereit, Mittel zur freien Verwendung zu geben. Die häufige Folge davon ist, dass es zwar genug Geld im Fall von Naturkatastrophen gibt, aber zu wenig bei politischen Konflikten. Ein typisches Beispiel dafür ist Syrien. Solche Konflikte sind oft langwierig und undurchschaubar. Hilfsleistungen werden oft gleich wieder zerstört wie etwa Auffanglager. Oft schwingt auch der Verdacht mit, die Bevölkerung und die Konfliktparteien seien irgendwie ein Stück weit selber schuld an ihrer Not.

Die UNO hat für dieses Problem seit Jahren einen Not-Topf, um kurzfristig Engpässe zu beseitigen. Warum kommt man damit nicht recht voran?

Es läuft in der Tat etwas schleppend mit dem UNO-Nothilfefonds. Mit etwas über 300 Millionen Dollar pro Jahr ist dieser aber auch nicht besonders gross – verglichen mit den 20 Milliarden Dollar, die für humanitäre Hilfe jährlich benötigt werden. Zudem muss der Topf jedes Jahr neu gespeist werden. Für 2015 ist er erst zu zwei Dritteln gefüllt. Das zeigt auch, dass viele Länder zögern, der UNO à fonds perdu über Jahre hinweg feste Mittel zuzusagen. Und dies manchmal mit durchaus guten Gründen.

Muss also bei der humanitären Hilfe auch künftig mit chronischen Engpässen gerechnet werden?

Davon kann und muss man ausgehen. Es sei denn, die Zahl der Konflikte und damit die Zahl der Betroffenen sinken massiv. Doch das ist angesichts der heutigen politischen Spannungen vielerorts eher unrealistisch.

Das Gespräch führte Christoph Kellenberger.

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