Folge der Ein-Kind-Politik In China gibt es zu viele Männer

Über drei Jahrzehnte galt in China die Ein-Kind-Politik. Weil die Eltern nur noch ein Kind zur Welt bringen durften, wollten sie erst recht einen Sohn. Die Folge ist ein Männerüberschuss.

Familie Gao, Mutter (mitte), Sohn, (rechts), Onkel (links) Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Familie Gao macht sich Sorgen um den Nachwuchs: Mutter (Mitte), Sohn, (rechts) und Onkel (links). SRF/Martin Aldrovandi

Chilischoten und Maiskolben hängen zum Trocknen an den Wänden der gelbbraunen Lehmhäuser: Idylle pur in den grünen Hügeln von Anjia-Qi, in der nordchinesischen Provinz Shaanxi. Doch etwas fehlt: In den Bauerndörfern sind keine jungen Frauen zu sehen.

Auch nicht auf dem Hof von Familie Gao. Im Wohnzimmer streitet die 53-jährige Bäuerin mit ihrem Sohn, der noch immer nicht verheiratet ist. Sie mache sich Sorgen ohne Ende, könne nachts oft nicht schlafen, klagt Frau Gao.

«  Wir würden ihm gerne ein Mädchen vorstellen, aber es gibt einfach keine im Dorf. »

Frau Gao
Mutter eines Junggesellen

Ihr Sohn sitzt auf einem Holzhocker neben ihr, er ist 31 Jahre alt und hatte bis jetzt noch keine Freundin. Das Gespräch ist ihm sichtlich unangenehm. Er könne ja nichts dafür, sagt Frau Gao: «Wir würden ihm gerne ein Mädchen vorstellen, aber es gibt einfach keine im Dorf.» Früher habe ein anständiger Mann hier relativ schnell eine Frau gefunden, erinnert sie sich.

Alter Junggeselle im Dorf Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Er ist nicht der einzige: Ein alter Junggeselle in diesem Dorf der nackten Äste. SRF/Martin Aldrovandi

Dorf der nackten Äste

Siedlungen wie Anjia-Qi werden in China «Guangun-Dörfer» genannt. «Guangun» bedeutet wörtlich übersetzt «nackter Ast» – es ist die spöttische Bezeichnung für ewige Junggesellen.

«Eine Familie ist wie ein Baum mit Wurzeln und Ästen. Wenn jemand keine Nachkommen hat, bleibt sein Ast leer», er trage keine Blätter und wachse nicht weiter, erklärt Professor Jin Xiaoyi vom Zentrum für Genderstudien an der Jiaotong Universität in der Provinzhauptstadt Xi'an.

Söhne beliebter als Töchter

Vor allem auf dem Land haben Familien lieber männlichen Nachwuchs. Einerseits als Arbeitskraft auf dem Hof, aber auch weil Töchter nach der Heirat zur Familie des Mannes gehören. Die Söhne dagegen bleiben in der eigenen Familie und führen den Stammbaum weiter.

«  Wenn die Eltern nur ein Kind auf die Welt bringen dürfen, dann wollen sie erst recht einen Jungen. »

Jin Xiaoyi
Professor für Genderstudien

Mit der Ein-Kind-Politik habe sich dieses Problem noch verschärft, sagt Professor Jin. «Wenn die Eltern nur ein Kind auf die Welt bringen dürfen, dann wollen sie erst recht einen Jungen.»

30 Millionen Männer mehr als Frauen

Wie viele weibliche Föten in der Zeit der Ein-Kind-Politik abgetrieben wurden, weiss niemand. Klar ist: Seit deren Einführung 1979 kamen weit mehr Jungen als Mädchen zur Welt. Laut einer offiziellen Studie soll es bis 2020 in China 30 Millionen Männer mehr geben als Frauen – 30 Millionen Männer, die in China schon rein rechnerisch nie eine Frau finden werden.

Für die Frauen erhöhen sich dadurch die Chancen, Männer in einer höheren Schicht zu heiraten. Männer mit tiefem Einkommen und in abgelegenen Siedlungen wie Anjia-Qi bleiben bei diesem Konkurrenzkampf auf der Strecke.

Keine Zukunft im Bauerndorf

Ganz unten im Tal lebt Miaomiao. Er bewirtschaftet den Hof zusammen mit seiner kranken Mutter und einer älteren Magd. Auf seinem Hof hat Miaomiao ein karges Auskommen, eine Zukunft sieht er hier keine.

Natürlich würde er gerne im Dorf bleiben, er sei schliesslich hier aufgewachsen, sagt Miaomiao. «Aber was soll ich hier? Geld verdiene ich in diesem Bauerndorf ja keines.» In ein paar Tagen will Miaomiao das Dorf verlassen. Wohin er gehen wird, weiss er noch nicht. Vielleicht, sagt er, könne er auch als Kurier in einer Grossstadt arbeiten. Dass er dort eine Frau findet, glaubt er nicht. Versuchen will er es trotzdem.