In der Türkei herrscht ein Klima der Angst

In der Türkei dominiert zweieinhalb Wochen nach dem gescheiterten Militärputsch die Angst. Viele Menschen verstummen, denn sie bringen sich selber in Gefahr, wenn sie sich öffentlich äussern. Und trotzdem gibt es weiterhin die Mutigen oder die, die gar nicht anders können.

Schatten Erdogans. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Klima der Angst: Erdogan wirft einen Schatten auf den Alltag vieler Türken und Türkinnen. Keystone

Onur zögert nicht, er sagt, was ist. Die Dinge des Lebens beschreiben, das sei sein Beruf – auch wenn es dunkel und gefährlich wird.

Der junge Schriftsteller und Lyriker beginnt das Gespräch mit einer starken Metapher: «Du hältst einen grossen Stein über deinem Kopf und philosophierst darüber, was wäre, wenn. Und in einer einzigen Sekunde fällt dieser Stein zu Boden und zerschmettert dir deinen Fuss. Es ist der totale Schock. Wie oft haben wir Szenarien debattiert, was passieren könnte. » Und jetzt sei etwas passiert, mit dem niemand gerechnet habe. «Wir, die wir so viele Krisen überstanden haben, sahen mit Entsetzen in der Putschnacht, wie das Parlament in Ankara bombardiert wurde, wie mitten auf einer Istanbuler Brücke Menschen getötet wurden.»

Stabilität und Sicherheit waren nichts als Illusion, geschaffen von der Regierung. Ein Boden, der keiner war. Und jetzt? Fallen, ausgeliefert sein, ohne Schutz und Halt. Der Autor und Familienvater ist politisch links, und er spricht für viele Menschen in der Türkei seiner Generation.

Aber im Unterschied zu anderen scheint ihn die Erschütterung nicht bis ins Mark zu treffen. Es ist, als wäre er im innersten gewappnet: «Für einen freien Menschen macht es keinen Unterschied, welchen Namen ein repressives Regime hat, ob es die Armee ist oder eine islamistische Herrschaft. Beide sagen dir, du darfst das nicht sagen, dieses nicht denken und jenes nicht tun. Die Unterdrückung war schon da vor dem gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli. Und sie bleibt auch nach dem Putschversuch.»

Onkel ist bekannter Dichter

Frei sein in einem Klima der Angst und Bedrohung: Wie schafft einer das? Onurs Nachname Behramoglu ist Teil der Antwort. Sein Onkel ist Ataol Behramoglu, einer der bekanntesten Autoren und Dichter der Türkei. Ein Theatermann, Satiriker, Musiker und Friedensaktivist, der Anfang der 1970er-Jahre in Paris mit Pablo Neruda und Louis Aragon zusammentraf. Und Ataol Behramoglu war ein Verfolgter.

Nach dem Militärputsch von 1980 wurde er verhaftet, verurteilt und am Ende ins Exil getrieben. Sein damals kleiner Neffe Onur erinnert sich an eine Nacht: «Mein Onkel kam zu uns in einem sehr schlechten Zustand, unrasiert, nervös. Er sagte uns, er müsse das Land sofort verlassen. Ich verstand damals nicht, warum. Er war doch nur ein Dichter.»

«Bücher können gefährlich sein»

Er erinnere sich nicht an Panzer in den Strassen. «Aber ich erinnere mich an die Angst in den Familien, in den Häusern. An die Leute, die ihre Bücher verbrannten, damit sie die Soldaten nicht entdeckten. Bücher können gefährlich sein und Schriftsteller werden bedroht, das lernten wir damals.»

Auch Onurs Vater war ein verfolgter Staatsanwalt und Sozialist. «Das bedeutete für meine Familie: Inneres Exil in der Türkei. Wir mussten von Stadt zu Stadt ziehen, immer wieder neu beginnen. Das Gute daran war, dass ich das Land und seine Einwohner dabei wirklich kennenlernte. Die Armen, die Ungebildeten, die Vernachlässigten.»

Erdogans Gruss spricht Bände

Das alles ist wieder präsent. Erstaunlich viele junge Menschen in der Türkei sprechen heute vom Militärputsch von 1980 und den Jahren danach. Obwohl sie zu jung sind, sich detailliert daran zu erinnern. Sie sprechen von ihren Eltern, ihren Grosseltern. Kollektives Gedächtnis, die Vergangenheit durchtränkt die Gegenwart.

Erdogan hält bei einer ANsprache im Präsidentenpalast in Ankara vier Finger in die Höhe. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein spezieller Gruss: Erdogan hält bei einer Ansprache im Präsidentenpalast in Ankara vier Finger in die Höhe. Reuters

Diese unheimliche Gegenwart wird Teil der ganzen, komplizierten Geschichte dieses Landes. Ein neues, noch undurchsichtiges Kapitel. Um zu verstehen, was vor sich geht, müsse man die Sinne schärfen und genau beobachten, sagt Onur. Und er gibt ein Beispiel die Körpersprache von Präsident Erdogan.

«Als Präsident Erdogan in einer Rede von der Einheit der Nation sprach, davon, dass alle die Republik verteidigen müssten, beendete er die Ansprache mit dem sogenannten Gruss der Muslimbrüder: vier emporgestreckte Finger. Er sendet also ein Zeichen der Solidarität an die sunnitischen Islamisten der Region aus – und spricht gleichzeitig von der Einheit der türkischen Nation. In Wirklichkeit meint er nur die einen, während er von allen redet.» Ein neuer Boden, der keiner ist. Eine neue Illusion.

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