In Deutschland tobt ein Bratwurstkrieg

Manchmal zeigt sich an unspektakulären Orten, in kleinen Geschichten, das grosse Bild: An der A9 zwischen Berlin und München tobt ein Bratwurstkrieg. Er vereint Klischees über Deutschland wie Hitler, Maschendrahtzaun, Wurst, Justiz und Autobahn. Eine Reportage von Korrespondent Peter Voegeli.

Kurz nach dem Hermsdorfer Kreuz in Thüringen auf der A9 Richtung Bayern: «München» steht gross auf einem blauen Autobahnschild und daneben – kein Witz – «nächste Abfahrt Lederhose». Es gibt auch einen Ort mit dem Namen «Weltwitz» in dieser Gegend.

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Peter Voegeli

Peter Voegeli

Peter Voegeli ist seit Sommer 2015 SRF-Korrespondent in Deutschland. Schon ab 1995 lebte er als Zeitungsjournalist in Bonn und Berlin. 2005 stiess er zu Radio SRF, zuerst als Korrespondent in Washington, später als Moderator beim «Echo der Zeit».

Womit wir beim Thema wären: Weltwitz an der Autobahnraststätte Rodaborn. Ein altes Holzhaus mit der Aufschrift «erste deutsche Autobahnrastätte», ein Wurstgrill, ein grüner Maschendrahtzaun, eine Leiter und eine Glocke. Irgendeiner ruft etwas.

Christina Wagner verkauft an der Autobahnraststätte in Rodaborn Würste und Kaffee. Von ihren Kunden ist sie durch ein hohes, grünes Gitter getrennt. Wer Hunger und Durst hat, muss die Glocke am Zaun klingeln, bestellt wird auf Zuruf.

Gefährlicher Wurstverkauf ohne Lizenz

Dann bringt Wagner die Würste in einem Korb, klettert auf eine Leiter, reicht die Würste über das Gitter und kassiert – eine umständliche Prozedur. Manchmal fällt die Wurst bei dieser komplizierten Aktion auch runter. Ein schwieriges Geschäft, denn: Der Wurstverkauf ist strafbar.

Diese Geschichte macht den Wurstgrill weltberühmt. 2010 hat Wagner den Grill und das Haus an der A9 gekauft. Die Lizenz für die Raststätte war zwar abgelaufen. Im Angebot habe es aber geheissen, sie dürfe trotzdem ihren Grill betreiben und Autofahrer verköstigen. Doch kurz nach dem Kauf wurden die Notfalltüren zur Autobahn, die bislang offen waren, geschlossen. Der Verkauf wurde verboten.

Eine Lizenz könne sie sich aus dem Kopf schlagen, sei ihr beschieden worden, erzählt Wagner. Letzte Woche verhandelte das Gericht den Fall auf den Gartenstühlen beim Grill neben der Autobahn. Die Richter blieben dabei: Das Verbot bleibt, 2000 Euro Busse, die Notfalltüren bleiben zu, obwohl Autofahrer immer wieder Hilfe brauchen.

Das Häuschen war schon vor der Strasse da

Eine millionenteure Fussgängerbrücke würde es auch Reisenden auf der Gegenfahrbahn von München nach Berlin erlauben, die Autobahn zu überqueren und eine Wurst zu kaufen. Als Wagner argumentierte, es sei eine Diskriminierung, wenn Reisenden von München nach Berlin, aber nicht die Autofahrer von Berlin nach München Zugang zum Grill hätten, handelten die Behörden logisch und schlossen die andere Seite ebenfalls ab.

Noch ist der Streit nicht durch alle Instanzen. Deshalb ist der Grill weiter in Betrieb. Er liegt an der ältesten Autobahnraststätte Deutschlands. Weil Hitlers frühe Liebe zur Autobahn einschlägig bekannt ist, ist es vielleicht sogar die älteste Autobahnraststätte Europas oder der Welt, wie man sagt. Das Haus stand schon – 1936 kam dann die Autobahn. Selten trifft man so viele deutsche Stereotypen über Deutschland auf so wenig Raum.