In Tunesien begann vor drei Jahren der «Flächenbrand»

Viele Hoffnungen des Arabischen Frühlings sind nur noch Schall und Rauch. Nichts hat sich zum Besseren gewandelt – auch nicht in Tunesien, dem Land, in dem vor drei Jahren alles begann. Doch stimmt das wirklich? Drei Experten mit ihrer Sicht auf das Land, den Wandel und die Zukunft.

Staatschef Ben Ali am Bett des schwerstverbrannten Mohamed Baouzizi. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Staatschef Ben Ali am Bett des schwerstverbrannten Mohamed Baouzizi. Wenige Tage später starb der Gemüsehändler. Keystone

Am 17. Dezember 2010 verbrannte sich der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi aus Protest gegen das Regime.

Die Folge waren Unruhen, die sich schnell über einen Volksaufstand zu einer Revolution ausweiteten. Am Ende stand der Sturz des Despoten Ben Ali, der das Land zuvor 23 Jahre regiert hatte.

Arnold Hottinger, Reinhard Schulze und Daniel Voll waren in dieser turbulenten Zeit und sind noch heute gefragte Experten beziehungsweise Korrespondenten. SRF News Online sprach mit ihnen über die Ereignisse von damals, die bisherige Entwicklung und die Zukunft des Landes.

War Ihnen damals klar, dass Tunesien der erste, entscheidende Dominostein in einer langen Reihe sein wird?

Arnold Hottinger: Nein, um ehrlich zu sein, es war mir nicht klar, welcher Flächenbrand da ausgelöst wird. Das änderte sich allerdings mit dem Sturz von Mubarak. Denn ab diesem Zeitpunkt war offensichtlich, dass die jungen Menschen nicht mehr die Despoten anhimmeln, sondern aktiv mitreden wollen.

Daniel Voll: Nein, wie rasch das Ben Ali-Regime in sich zusammen gefallen ist, das hat ja auch die Bevölkerung in Tunesien überrascht. Aber es liegt im Charakter von Revolutionen, dass sie überraschen – auch wenn sich unter der Oberfläche schon lange Spannungen entwickelt haben.

Reinhard Schulze: Nicht sofort: Die ersten öffentlichen Proteste schienen zunächst eine rein tunesische Angelegenheit zu sein.

Gab es andere Entwicklungen, die Sie im Nachhinein ebenfalls überrascht haben?

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Arnold Hottinger gilt als grosser Nahostexperte. Er analysiert die Region seit Jahrzehnten als Journalist und Buchautor.

A.H.: Dass der Kampf zwischen Religiösen und Säkularen ins Zentrum rückt, das hätte ich so nicht gedacht. Das Problem dabei ist, dass dadurch von den wirklichen Problemen abgelenkt wird. Die Gesundung der Wirtschaft und die Lösung vieler sozialer Fragen werden so in den Hintergrund gedrängt.

D.V.: Wirklich überrascht hat mich die Entwicklung in der Folge nicht. Dass sich kurzfristig die gut organisierten politischen Kräfte gegen die Revolutionäre auf der Strasse durchsetzen würden, war absehbar.

R.S.: Überrascht hatte mich zunächst, dass das alte Regime in Tunesien so schnell auf seine Macht verzichtet hatte. Verstört hatte mich auch die Ratlosigkeit der sogenannten «nouveaux politiciens» – wie zum Beispiel Rachid Ghannouchi (Chef der islamistischen Regierungspartei) – von denen eigentlich mehr zu erwarten gewesen wäre.

Welche Persönlichkeit oder Entwicklung macht Ihnen Hoffnung?

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Daniel Voll arbeitete für das SRF zunächst als Wirtschaftsredaktor und Korrespondent für die EU und Frankreich. Heute ist er als Auslandredaktor tätig.

A.H.: Drei Punkte machen mir Mut. Zum einen wird in Tunesien in Kürze zum zweiten Mal eine demokratische Wahl stattfinden. Das hat es so bisher in den anderen Ländern des arabischen Frühlings nicht gegeben. Zum zweiten wäre da Rachid Ghannouchi. Der ist zwar auch ein islamischer Gottesgelehrter. Allerdings hat er immer versucht, Wege zu finden, wie Islam und Demokratie zusammengehen können. Und drittens macht mir Hoffnung, dass die Armee bisher nicht eingegriffen hat.

D.V.: In den vergangenen drei Jahren hat die sogenannte «Zivilgesellschaft» an Kraft gewonnen. Die Leute wollen sich nicht mehr das Wort verbieten lassen. Sie überlassen die Entwicklung nicht einfach mehr den politischen Parteien, die sich Grabenkämpfe liefern und gegenseitig blockieren.

R.S.: Ich sehe im Augenblick keine Persönlichkeit, die in der Lage wäre, als Integrationsfigur zu wirken. Das ist vielleicht auch nicht weiter schlimm, denn die tunesische Gesellschaft will keinen starken Mann mehr, sondern eine starke Zivilgesellschaft. Mir macht Hoffnung, dass dieser in der Revolution geborene Anspruch auf Demokratie nachhaltig ist.

Wie könnte das Land zum zehnten Jahrestag des Arabischen Frühlings dastehen?

A.H.: Das lässt sich natürlich nur schwer vorhersagen. Aber der Drang zu mehr Mitspracherecht wird nicht nachlassen, im Gegenteil. Deshalb gehe ich auf mittlere beziehungsweise lange Sicht von einer weiteren Demokratisierung aus. Aber auf diesem Weg wird es vermutlich noch viele Irrungen und Wirrungen geben.

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Der gebürtige Berliner Reinhard Schulze leitet seit rund 20 Jahren das islamwissenschaftliche Institut an der Universität Bern.

D.V.: Wenn es islamische und säkulare Kräfte schaffen, sich zu einer pluralistischen Gesellschaft zusammenzuraufen, dann wäre dies ein starkes Zeichen. Allerdings ist es bis dahin ein weiter Weg, wie der schwierige «Nationale Dialog» der letzten Wochen und Monate zeigt.

R.S.: Eine Prognose ist nicht möglich. Es gibt drei Optionen: Erstens, man wurstelt weiter wie bisher, was die soziale Desintegration nur noch vertiefen würde. Zweitens, es kommt zu einer Radikalisierung des Demokratisierungsprozesses, wodurch Tunesien hin zu einer offenen Gesellschaft findet. Drittens, die Rückkehr zu einer etatistischen Herrschaft, die der Gesellschaft ihre Ordnung vorschreibt. Ich denke, Tunesien hat gute Voraussetzungen, den zweiten Weg zu beschreiten.

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