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International In Tunesien liegt eine Stichwahl ums Präsidentenamt in der Luft

Tunesien ist das arabische Labor auf dem Weg zur Demokratie: Die erste freie Präsidentenwahl des Landes steuert nach der Jasminrevolution auf eine zweite Runde zu. Der säkulare Herausforderer Essebsi hat zwar einen deutlichen Vorsprung, er verfehlt jedoch die absolute Mehrheit.

Wahlhelferinnen leeren eine Box mit Stimmzetteln.
Legende: Fieberhaft arbeiten derzeit die Wahlhelfer – erste Prognosen lassen allerdings eine Stichwahl wahrscheinlicher werden. Reuters

Es ist die erste freie Präsidentenwahl in Tunesien. Noch in diesem Jahr soll sie in einer zweiten Runde entschieden werden. Es sei sehr wahrscheinlich, dass es zu einer Stichwahl kommen werde, sagte der Wahlkampfleiter von Beji Caid Essebsi kurz nach Schliessung der Wahllokale am Sonntag. Der 87-jährige Herausforderer habe «nur knapp» eine absolute Mehrheit verfehlt.

Die Stichwahl am 28. Dezember wird dann Essebsi oder Übergangsstaatschef Moncef Marzouki als Sieger hervorbringen.

Mässige Wahlbeteiligung

Vor fast vier Jahren begann die Jasminrevolution und damit Tunesiens Weg in die Demokratie. Die Präsidentenwahl soll nun diesen Weg abschliessen. Die erste demokratische Direktwahl eines Präsidenten konnte die Massen jedoch nicht mobilisieren.

Am Sonntagnachmittag hatten lediglich rund 32 Prozent der registrierten Wähler ihre Stimme abgegeben. Insgesamt waren mehr als fünf Millionen registrierte Wahlberechtigte zur Teilnahme aufgerufen. Landesweit sicherten 100'000 Polizisten und Soldaten die Abstimmung in dem nordafrikanischen Land gegen Terroranschläge ab.

Demonstration gegen Marzouki

Essebsi konnte sich bereits im Vorfeld der Wahlen gute Chancen ausrechnen, Staatschef zu werden. Die islamistische Ennahda hat keinen Kandidaten ins Rennen geschickt, um das Land nicht weiter zu spalten. Neben Essebsi waren Übergangsstaatschef Marzouki sowie der Linkspolitiker Hamma Hammami die wichtigsten Kandidaten im Rennen.

Nach Angaben aus den Reihen von Marzouki versuchten dessen politische Gegner, den Übergangsstaatschef bei der Stimmabgabe anzugreifen. Das Wahllokal in El Kantaoui rund 140 Kilometer südlich von Tunis sei von Anhängern der säkularen Partei Nidaa Tounès attackiert worden, erklärte Marzoukis Wahlkampfteam. Ein Journalist sagte, es habe vor dem Wahllokal eine Demonstration gegen Marzouki gegeben. Es sei aber zu keinen gewaltsamen Zwischenfällen gekommen.

Tunesische Wahlbeobachter berichteten vereinzelt von Stimmenkäufen und anderen Versuchen, Wähler zu beeinflussen. Aus europäischen Wahlbeobachterkreisen hiess es: Die Abläufe seien ein wenig besser als bei der Parlamentswahl vor einem Monat.

«Entwicklung in Schüben»

Die Präsidentschaftswahl sei eine wichtige Etappe in der sehr abwechslungsreichen Revolutionsgeschichte, sagt Tunesien-Experte Daniel Voll von der SRF-Auslandredaktion. In den vier Jahren seither erlebte Tunesien viele Krisen: zwei politische Morde, islamistischen Terror, grosse Demonstrationen und eine lange Regierungskrise. Doch im Vergleich zu anderen Staaten der Region sei die Revolution nicht gescheitert, denn «in Tunesien ist die Entwicklung in Schüben passiert».

Nach der Revolution hätten sich relativ schnell Institutionen gebildet, es habe eine Übergangsregierung gegeben, so Voll. Die islamische «Ennahda» gewann die Parlamentswahlen. Die Partei habe aber an den Bedürfnissen des Volkes vorbei regiert.

Tunesien ist das Geburtsland des Arabischen Frühlings. Nach dem Sturz des Langzeitherrschers Zine El Abidine Ben Ali Anfang 2011 begannen auch in Ägypten, Libyen, Syrien und anderen Ländern Massenproteste.

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