Indien im Goldrausch

«Indien leidet an einer Gold-Vergiftung», klagte der Vizepräsident der indischen Zentralbank im letzten Jahr auf einer Gold-Konferenz in Bangalore. Denn Inder sind süchtig nach Gold. Im vergangenen Jahr importierten sie 1000 Tonnen des Edelmetalls.

Zu sehen ist die Eingangstür zu einem Schmuckgeschäft in Delhi. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Geschäft der Schmuckläden in Delhi läuft gut. Karin Wenger

«Malabar Gold and Diamonds», ein Schmuckgeschäft an der grössten Juwelierstrasse in Delhi. Hier gibt es Gold, wohin man blickt. Goldarmreifen, Goldringe mit Edelsteineinlagen, fein ziselierte Goldamulette. 380 Franken kostet ein simpler Goldarmreif von knapp 8 Gramm. Eine Kundin aus dem südindischen Kerala hat sich eben entschieden, zwei zu kaufen.

Es sei ein Geschenk der Mutter an die Tochter, sagt sie: «In Kerala sind wir geradezu verrückt nach Gold. Jeder kauft Gold. Es ist Teil des Lebens, bei Hochzeiten, Geburtstagen, für die Kinder. Gold ist kein Luxus, sondern eine Investition in die Zukunft.»

Ein indischer Mann steht vor einem Schmuckgeschäft. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Für Inder gilt Gold als Investition in die Zukunft. Karin Wenger

Gold als Sparbuch und Versicherung in einem

In einem Land wie Indien, in dem noch heute mehr als die Hälfte der Bewohner kein Bankkonto besitzen, bleibt Gold Sparbuch und Versicherung in einem. Keine Hochzeit ohne goldige Mitgift. Kein Tempel, der nicht über einen reichhaltigen Goldvorrat verfügt. Die Gläubigen spenden das Edelmetall in einer Art modernem Ablasshandel. Die Bauern hinterlassen es als Garantie beim Geldverleiher in schlechten Zeiten.

Gold gilt als sichere Anlage. Von 2002 bis 2011 stieg der Goldpreis stetig – genauso wie die Importe nach Indien. Gold wurde nach Öl zum zweitwichtigsten Importgut – und zwar nicht nur wegen der steigenden Preise, wie der emeritierte Wirtschaftsprofessor Charan Wadhva sagt.

«Erstens wollten sich die Leute so gegen die wachsende Inflation absichern. Der Goldpreis stieg viel stärker als die Inflationsrate», erklärt Wadhva. «Zweitens wurden Devisen gegen Gold eingetauscht, als der Dollar und der Euro fielen. Und drittens fürchteten sich viele vor einer Blase im indischen Immobilienmarkt und wechselten zu Gold.»

Die Inder sind süchtig nach Gold

4:34 min, aus Echo der Zeit vom 10.02.2014

Hamstern hat negative Folgen für Wirtschaft

2013 brach der Goldpreis weltweit ein. In Indien führte das zu regelrechten Hamsterkäufen – mit negativen Folgen für die indische Volkswirtschaft, wie Wadhva sagt. Bezahlt wird Gold nämlich in Dollar. Mit der bereits schwachen Rupie bedeutet das eine zusätzliche Belastung für Indiens Leistungsbilanzdefizit.

«Gold liegt einfach da, unproduktiv, als Sicherheit für schlechte Zeiten», fährt Wadhva fort. Mit Gold würden keine neuen Fabriken aufgebaut und keine Arbeitsplätze geschaffen. Den Käufern biete das Gold Sicherheit, aber für die indische Wirtschaft sei es eine Last.

Das Leistungsbilanzdefizit stieg im letzten Jahr auf alarmierende 4,8 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Mehr als die Hälfte des Defizits war auf die steigenden Goldimporte zurückzuführen.

Zentralbank versucht Rausch zu stoppen

KC Chakrabarty, der Vizepräsident der indischen Zentralbank, schimpfte deshalb auf der Gold-Konferenz in Bangalore: «Würde uns jemand vom Mars zusehen, würde er sich am Kopf kratzen. Die Inder aber tun das nicht. Sie müssen endlich aufhören, ihren Bräuten Gold als Mitgift zu geben oder Gold an Tempel zu verschenken», ereiferte sich der Zentralbanker und forderte die Inder auf, ihre Goldkäufe zu reduzieren.

Goldene Armreifen sind zum Verkauf ausgestellt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 1000 Tonnen Gold hat Indien im letzten Jahr importiert. Karin Wenger

Die Zentralbank blieb nicht untätig. Im vergangenen Jahr hob sie die Importzölle für Gold von zwei auf zehn Prozent an. Alle Importeure müssen zudem 20 Prozent des Goldes wieder exportieren. Diese Restriktionen verbesserten zwar die Leistungsbilanz, der Goldpreis aber stieg und der Schmuggel blühte auf. Heute werden nach Schätzungen des indischen Finanzministers eine bis drei Tonnen Gold monatlich ins Land geschmuggelt.

Denn die Inder werden auf ihr geliebtes Metall nicht verzichten. Eine indische Hochzeit ohne Gold ist keine indische Hochzeit. Und in schlechten Zeiten müssen die Götter besonders milde gestimmt werden – wenn nötig mit einem Goldbarren.