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Boris Johnson vor einer offenen Autotür.
Legende: Ist er die richtige Besetzung? Boris Johnson ist neuer Aussenminister Grossbritanniens. Reuters
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International Ist Boris Johnson der richtige Aussenminister?

Er ist blond, umstritten und neuer britischer Aussenminister: Die Rede ist von Brexit-Befürworter Boris Johnson. Mit seiner Ernennung für den Posten hat niemand gerechnet. Welche Gründe sprechen für, welche gegen ihn?

Die blonde Mähne ist das Markenzeichen von Boris Johnson. In den vergangenen Tagen ist der Hüne allerdings von der Bildfläche verschwunden. Gestern Abend hat sich dies geändert, er ist zurück – als Aussenminister. Damit hatte niemand gerechnet. Dass sich die Briten am 23. Juni tatsächlich mit knapper Mehrheit für den EU-Austritt entschieden, lag nicht zuletzt an Johnson.

Fotomontage, die Boris Johnson in der Luft schwebend mit dem zwei Fähnchen zeigt.
Legende: Das Online Portal «Daily Mirror» zeigt Boris Johnson in einer unvorteilhaften Pose und entschuldigt sich. mirr , Link öffnet in einem neuen Fenster

Gründe, die gegen Johnson sprechen

  • Der undiplomatische Chefdiplomat

Johnson ist ein Mann, der gerne zum verbalen Zweihänder greift. Das hat er in der Vergangenheit mehrmals bewiesen. So sehr, dass der «Daily Mirror» heute titelte: «Entschuldigung, liebe Welt». Beispiel gefällig? Bitte: Johnson bezeichnete die mögliche erste US-Präsidentin Hillary Clinton einst als «sadistische Krankenschwester in der psychiatrischen Anstalt».

Auch dem amtierenden Präsidenten Barack Obama warf er schon den Fehdehandschuh vor die Füsse: Er unterstellte ihm eine Distanz zu Grossbritannien. Als Beleg führte er eine Churchill-Büste an, ein Geschenk an Präsident George W. Bush. Obama hatte diese aus dem Oval Office entfernen lassen. In einem Zeitungskommentar schrieb Johnson: «Einige behaupten, das sei eine Brüskierung Grossbritanniens gewesen. Andere, die Büste sei für den teil-kenianischen Präsidenten und seine Vorahnen das Symbol einer tiefen Abneigung des britischen Empire, das Churchill so glühend verteidigt hatte.»

Die EU verglich er auf seinem Werbefeldzug für den Brexit gleich mit Hitlers Machtgelüsten. Sein berühmt-berüchtigter Mangel an diplomatischem Fingerspitzengefühl führte auf einer Reise als Bürgermeister auch dazu, dass ihm die geplante Einreise in Palästinensergebiete verweigert wurde.

Von einem Sky-News-Reporter gefragt, ob es nicht eine ganze Reihe Staatschefs gebe, bei denen er sich erst einmal entschuldigen müsse – allen voran bei Barack Obama, meint Johnson: «Die Vereinigten Staaten von Amerika stehen ganz vorne in der Schlange.» Es besteht also Hoffnung, dass er sich künftig bessern wird.

  • Politisch unberechenbar

Der Populist gilt vielen Abgeordneten als sprunghaft, windig und unzuverlässig. «Mich hat es überrascht, dass er für den Brexit war», sagt SRF-Korrespondent Peter Balzli. Wahrscheinlich habe er den Austritt befürwortet, um selber politisches Kapital daraus zu ziehen. So galt Johnson lange Zeit als Favorit für den Premierposten. Mit dem Rückzug seiner Kandidatur hat er viele überrascht, gar vor den Kopf gestossen.

Der Vorwurf: Johnson habe sich aus der Verantwortung gestohlen. Woran das liegen mag? Auffällig ist, dass die Brexiteers Werbung für einen Austritt machten. Doch nach der Abstimmung zeigte sich immer mehr: Eine greifbare Strategie, wie dies geschehen soll, fehlt. Auch Boris Johnson bildet hier keine Ausnahme. Johnson muss nun sein politisches Programm vorstellen, denn dies hat er bislang nicht getan. Und genau dies macht ihn unberechenbar. Bei Johnson dominierten die markigen Sprüche, Scherze und grosse Auftritte anstatt Dossierkentnisse und das Reinknien in das politische Tagesgeschäft.

Balzli weist allerdings darauf hin: «Viele verwechseln seinen britischen Humor mit Unberechenbarkeit». In Grossbritannien sei dies anders. «Dort gilt dieser Humor als Zeichen von Intelligenz. Das ist ein kultureller Unterschied.»

  • Ineffizient oder kein guter Verhandler

Als Londoner Bürgermeister hatte Boris Johnson in Deutschland drei gebrauchte Wasserwerfer gekauft. Diese wollte er in London einsetzen. Sein Nachfolger Sadiq Khan kündigte Anfang Juni an, die Wasserwerfer zugunsten von Jugendprojekten in der Hauptstadt zu verkaufen. Sein Vorgänger Johnson habe für die drei Wasserwerfer, die in London nicht zum Einsatz kamen, vor zwei Jahren rund 260‘000 Franken bezahlt, so Khan. Allerdings: Es gab keine Genehmigung für die Wasserwerfer. Das zeige seine «Unfähigkeit», ein gutes Geschäft auszuhandeln. Die neue Stadtverwaltung wolle die Wasserwerfer jedenfalls loswerden, zumal auch noch Lagerkosten fällig seien.

Johnson hatte die Wasserwerfer – die nur in Nordirland eingesetzt werden dürfen – ohne die Zustimmung der damaligen Innenministerin Theresa May besorgt. Im Juli 2015 sagte May vor dem Parlament, sie lehne einen Einsatz der Wasserwerfer ab. Bislang ging die Polizei nur in Nordirland mit Wasserwerfern vor.

Gründe die für Johnson als Aussenminister sprechen

  • Schillerndster EU-Kritiker an Bord

«Es war ein politisch kluger Schachzug Johnson zum Aussenminister zu machen», sagt Balzli. Mit Johnson hat sie den beliebtesten Brexiteer in die Regierung eingebunden. Der Druck lastet nun auf ihm – und seinem unbestrittenen Ehrgeiz – sich zu beweisen.

Allerdings: May hat sein Mandat durch zwei neu geschaffene Kabinettsposten entscheidend beschnitten: Besetzt sind diese von prominenten EU-Skeptikern. Es gibt nun ein Ministerium für Brexit-Verhandlungen und ein Ministerium für Internationale Handelsbeziehungen. Für beides ist Johnson nicht zuständig.

Stattdessen wird sich sein Posten weitgehend auf das beschränken, was er am besten kann: Andere für sich einzunehmen. Als Aussenminister wird Johnson eine ähnliche Rolle spielen wie als Bürgermeister, nur auf grösserer Bühne.

  • Populärer Politiker

«Mit seiner gewinnenden humorvollen Art ist Johnson in Grossbritannien sehr populär», sagt Peter Balzli. Auch wenn er mit dem Rückzug seiner Kandidatur als Premier auch einen grossen Teil der Bevölkerung und Politiker verärgert habe, Johnson sei immer noch beliebt. Begünstigt werde dies wohl dadurch, dass er eine gewinnende, humorvolle Art habe. Er lasse keine Gelegenheit aus, einen Scherz zu machen oder eine Pointe zu setzen und sei ein offener Typ. «Johnson kann mit allen Menschen umgehen. Darum ist seine Ernennung zum Aussenminister keine schlechte Wahl.»

  • Das nötige Talent

«Dass er Talent hat, hat er bereits als Bürgermeister bewiesen. Er liebt den grossen Auftritt, posiert für die Fotografen und hat Charisma», sagt Balzli. Im Gegensatz zu den anderen Kabinettsmitgliedern habe Johnson begriffen, wie die sozialen Medien funktionieren. Und: Er habe keine Angst, sich zu blamieren – auch wenn er manchmal plump aussah.

«Auf der internationalen Politbühne dürfte er es allerdings etwas schwerer haben», sagt Balzli. Aber auch hier könnte ihm seine Popularität entgegenkommen. Denn dank den Sozialen Medien ist Johnson weit über die Landesgrenzen bekannt. Und seine umgängliche, gewinnende und humorvolle Art könnte sich positiv auswirken. «Bekanntheit und Popularität ist Kapital auf einem solchen Posten», sagt Balzli.

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54 Kommentare

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  • Kommentar von Lily Baumann  (Medinilla)
    Nach diesen männerlastigen Äusserungen und Schuldzuweisungen in den Kommentaren mussi ich wieder einmal meinen alten Spruch hervorkramen: Zeigen sich Probleme, dann schlägt die Stunde der spiegelverkehrten Wahrsager. Sie stellen im Nachhinein fest, dass sie es vorher schon immer hätten kommen sehen!
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  • Kommentar von Hans Haller  (panasawan)
    Ach ja Herr Baechler, morgen treffe ich die Briten hier in der Region. Werde denen mal Ihre Blogs zeigen. (Smileys)
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    1. Antwort von Niklaus Bächler  (SVP-Hinterfrager)
      Freue mich, herzlichen Dank. Grüssen sie dir Briten von mir. Sind das dann auch «Wirtschaftsflüchtlinge», welche sich für billiges Geld die Armut in Thailand zu nutze machen?
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  • Kommentar von Franz NANNI  (Aetti)
    Der Mann ist intelligent hat Phantasie und einen gesunden Humor und absolut keinen Respekt, der wuerde sogar bei der Koenigin seine frechen Sprueche aeussern (oder hat schon...).. ihn jetzt zur Schnecke machen wollen ist primitiv, denn niemand kennt ihn wirklich, vermutlich nicht mal sein eigenes Land ... Lassen wir ihn machen (muessen wir sowieso!) und schauen wie und ob er das englische Schiff um die Klippen steuert oder auf Sand setzt, Die englische Politik wird jedenfalls LEBHAFT!
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