Ist Wikileaks-Maulwurf Held oder Verräter?

Die Anklage gegen Bradley Manning wiegt schwer: «Aiding the enemy» – Unterstützung des Feindes. Über drei Jahre sitzt der mutmassliche Informant schon in Haft, lebenslänglich soll es werden. Nun hat der Prozess gegen ihn begonnen. Ob er den USA geschadet hat, daran scheiden sich die Geister.

Zusatzinhalt überspringen

Schockierende Geheimdokumente

Unter den Dokumenten von Manning waren 250'000 Depeschen aus US-Botschaften, die die Weltdiplomatie erschütterten. Oder 490'000 US-Militärdokumente über die Kriege in Afghanistan und Irak, die Details der Gräueltaten zeigten. Für Wirbel sorgte auch ein Video, das den tödlichen Beschuss von Zivilisten in Bagdad durch einen US-Kampfhelikopter zeigt.

Schwere Vorwürfe zum Prozessauftakt gegen den mutmasslichen Wikileaks-Informanten Bradley Manning: Die Staatsanwaltschaft hat den Obergefreiten vor einem US-Militärgericht beschuldigt, systematisch militärische Informationen gesammelt und über das Internet dem Feind in die Hände gespielt zu haben. «Manning kannte die Folgen seines Handelns und hat sie missachtet», sagte Militärstaatsanwalt Joe Morrow. Manning droht lebenslange Haft.

Die Verteidigung hielt Manning zugute, er habe die Informationen gesammelt, weil er meinte, diese müssten an die Öffentlichkeit gelangen. Zudem sei er damals erst 22 Jahre alt gewesen. «Er war jung, naiv, aber mit guten Absichten.»

Keine Hilfe des Feindes

Manning hatte bereits vor Prozessbeginn gestanden, Wikileaks Hunderttausende vertrauliche Dokumente aus der Datenbank des US-Geheimdienstes zugespielt zu haben. Die Enthüllungen hatten 2010 weltweit für Schlagzeilen gesorgt.

Nahaufnahme von Bradley Manning Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bei einer Verurteilung könnte der 25jährige den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen. Keystone

Die bewusste Hilfe des Feindes aber bestreitet er vehement. Er habe lediglich eine «öffentliche Debatte» über die amerikanische Aussen- und Verteidigungspolitik lostreten wollen, sagte er im Februar. «Ich glaubte, die Depeschen würden uns nicht schaden, aber sie würden peinlich sein.»

Demonstrationen für Manning

In dem Gerichtsverfahren um den wohl spektakulärsten Geheimnisverrat in der US-Geschichte geht es aber nicht so sehr um Schuld oder Unschuld. Vielmehr wird sich der Prozess darum drehen, ob der junge Soldat seinem Land geschadet hat. Die Ankläger müssten beweisen, dass Manning mit voller Absicht der USA schwere Nachteile einbringen wollte – oder anderen Nationen beziehungsweise den Gegnern wichtige Vorteile.

Für Antikriegsaktivisten und Bürgerrechtler ist Manning ein Held, weil er das wahre Ausmass der Militäreinsätze und den weltweit massiven Einfluss der US-Diplomatie transparent gemacht habe. An vielen Orten der Welt riefen sie anlässlich des Prozessbeginns zu Demonstrationen auf. Vor dem Gericht forderten sie «Freiheit für Manning».

Sprengstoff hat der Prozess auch, weil viele Unterstützer den «Whistleblower» als Opfer eines brutalen Staatsapparates sehen. Nach seiner Festnahme im Mai 2010 im Irak wurde er zwei Monate in Kuwait festgehalten. Danach kam er für neun Monate in ein Militärgefängnis in Quantico (Virginia). Wie ein Tier habe er sich in dem fensterlosen Raum gefühlt, klagte Manning. Anfangs habe man ihm die Brille weggenommen, ohne die er nichts sehen konnte. Auch sei er gezwungen worden, nackt vor Gefängniswärtern strammzustehen.

Ganz genau hinsehen werden Kritiker in dem auf rund drei Monate angesetzten Prozess bei der Frage, welchen Zugang die Öffentlichkeit hat. Die Richterin, Oberst Denise Lind, kündigte bereits an, 24 Zeugen unter Ausschluss von Beobachtern zu befragen. Dabei handele es sich etwa um Botschafter oder ranghohe Militärs, die über geheime Informationen verfügen, welche nicht nach aussen dringen dürften. Die Aussagen sollen zwar nachträglich veröffentlicht werden – kritische Stellen werden aber geschwärzt.