Zum Inhalt springen
Inhalt

International Italien tut wenig gegen die illegale Weiterreise in die Schweiz

Dieses Jahr sind bereits über 50'000 Flüchtlinge in Süditalien angekommen. Hier müssten sie registriert werden, und hier – in diesem Land – müssten sie auch bleiben. Doch 1000 Kilometer weiter nördlich ein neuer Rekord: 874 illegale Grenzübertritte in sieben Tagen. Eine Reportage aus Chiasso.

Legende: Video Das Katz-und-Maus-Spiel an der Grenze abspielen. Laufzeit 03:26 Minuten.
Aus News-Clip vom 21.06.2016.

Auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofes von Mailand sind vereinzelte Gruppen von Migranten. Unsicher blicken sie um sich. Sie machen nicht den Eindruck, in Mailand bleiben zu wollen.

Auch in der Gleishalle geschäftiges Treiben. Hier stehen ein paar Migrantinnen, die schon das Zugticket in die Schweiz gekauft haben. Sie versuchen, den Polizeikontrollen zu entkommen.

Bei der Einfahrt des Regionalexpresses nach Bellinzona beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel. Die italienische Polizei betritt das Perron. Die Migranten mischen sich unter die Passagiere Richtung Schweiz.

Die italienische Polizei nimmt ein paar Frauen mit. Ohne gültige Reisedokumente dürfen sie den Zug nicht einmal besteigen. Vor der Kamera des Schweizer Fernsehens zeigen sich die Italiener aktiv.

Legende: Video SRF-Korrespondent Philipp Zahn zur Situation vor Ort abspielen. Laufzeit 02:27 Minuten.
Aus News-Clip vom 21.06.2016.

Hotspots funktionieren nicht

Alberto Sinigallia von der Flüchtlingeshilfe «L'Arca» kennt diese Szenen. Er leitet eine Auffangstelle für Migranten in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof. Die Stadt Mailand versorgt hier Flüchtlinge und ihre Familien, die sich auf eigene Faust durch Italien schlagen, die weiter wollen Richtung Norden.

«Mit den Hotspots, den Registrierzentren in Süditalien, dürfte es diese Auffangstelle hier eigentlich gar nicht mehr geben. Und doch haben wir pro Woche noch bis zu 1000 Ankünfte. 60 Prozent ziehen weiter», sagt Sinigallia.

Die meisten, die täglich hier ankommen, sind Eritreer. Viele entkommen der polizeilichen Registrierung: Vor allem, wenn nach vielen Rettungsaktionen in den Häfen Süditaliens wieder Chaos herrscht. «Dann versuchen sie, im Zug weiter ins Ausland zu kommen. Das wird aber immer schwieriger. Hier in Mailand stehen deshalb jetzt wieder die Schlepper und bieten die Weiterreise per Auto an. Uns wird auch von Bergpfaden erzählt, zu Fuss über die Grenze wie zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges.»

Eine junge Eritreerin erzählt von ihrem Versuch, mit dem Zug in die Schweiz zu kommen: «Wir waren eine ganze Gruppe und hatten Tickets bis nach Zürich. An der Grenze wollten Beamte unsere Ausweise sehen. Wir hatten natürlich keine. Als wir dann sagten, wir wollten weiter nach Deutschland, schickten sie uns sofort mit dem nächsten Zug zurück nach Mailand.»

In Chiasso können Migranten Asylantrag stellen

Ortswechsel: Im Zug Richtung Schweizer Grenze sind Touristen, Pendler, Grenzgänger – aber keine Migranten. Nach 40 Minuten, Ankunft in Chiasso, Grenzwächter besteigen den Zug. Sie durchkämmen jeden Wagen und werden im
Eurocity nach Zürich fündig. Für ein paar Eritreer ist die Reise vorerst zu Ende. Stellen sie in der Schweiz Asyl, wird ihr Antrag geprüft. Geben sie an, auf der Durchreise zu sein, werden sie nach Italien zurückgeschickt.

Zurück in Mailand nicht weit vom Bahnhof werden schon neue Reisepläne geschmiedet – wenn nicht mit dem Zug, dann anders – nur weg aus Italien Richtung Schweiz.

Philipp Zahn zur Situation vor Ort

SRF: Was passiert in Mailand, wenn keine Kamera dort ist?

Philipp Zahn: Mir wurde gesagt, am Hauptbahnhof in Mailand gibt es keine regelmässigen Kontrollen. Nicht etwa so, wie auf der Bahnstrecke Richtung Österreich. Seitdem Wien vor zwei Monaten gedroht hatte, notfalls die Brenner-Grenze zu schliessen, kontrollieren dort die italienischen Polizisten systematisch jeden Zug und versuchen illegale Ausreisen in Richtung Österreich zu blockieren. In Richtung Schweiz findet das nach meinen Angaben so nicht statt.

Italien rettet die Flüchtlinge vor dem Ertrinken, aber danach sieht man wenig Engagement von Italien. Ist das so?

Italien hat in den letzten Jahren einiges getan. Die Zahl der Asylanträge in Italien ist dieses Jahr gegenüber dem Vorjahr um 60 Prozent gestiegen. Fakt ist aber auch, dass die Anzahl Asylanträge in Italien pro Einwohner im europäischen Vergleich immer noch in den unteren Rängen ist. Ganz anders als in Deutschland oder in der Schweiz. So lange Italien nicht genügend Plätze für Migranten und Flüchtlinge im eigenen Land aufbringt, so lange werden Flüchtlinge auch weiterreisen. Die italienischen Behörden drücken immer mal wieder ein Auge zu und lassen die Flüchtlinge in Richtung Norden weiterreisen.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

121 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Angela Keller (kira)
    Das Generalkonsulat verhilft Flüchtlingen zu Reisen nach Eritrea und zurück in die Schweiz. Es rät ihnen, mit hiesigen Reisepapieren nach Italien, Ägypten und in den Sudan zu fliegen, auf den dortigen eritreischen Botschaften eritreische Pässe oder Identitätskarten zu beziehen und mit diesen weiter in ihre Heimat zu reisen. Weil auf diese Weise in den Schweizer Papieren keine Stempel von eritreischen Grenzbehörden auftauchen, bleiben die Reisen den hiesigen Behörden verborgen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Margot Helmers (Margot Helmers)
      Gerade war 25 Jahre Unabhängigkeitsfeier in Eritrea. Dazu gibt es Filme; einer davon mit 21 Minuten unter "2016 Eritrea Independence Military Parade". Ab der 8. Minuten marschiert die Diaspora mit der jeweiligen Flagge, incl. CH. Da wird keiner verfolgt, wie man sehen kann! NDR hat eine Reportage über Eritreer gemacht, unter: „Flüchtlinge erzählen: Alfiya aus Eritrea“ Darunter schreiben einige Eritreer das sie ein Äthiopierin ist. Eritreer sagen das wäre in 50% der Fälle so!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Margot Helmers (Margot Helmers)
    Gestern haben tausende Eritreer in Genf vor der UNO gegen die abscheulichen Lügen des UNO Reports demonstriert. Darüber ist keine Zeile im TA, BAZ, SRF oder NZZ zu lesen!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von
      Wir haben uns die Meldung angeschaut. Wir gehen dem nochmals nach.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Niklaus Bächler (SVP-Hinterfrager)
    Liebe Ch.Wüstner, danke für ihren Kommentar.Gerne erläutere ich ihnen nochmals unseren gesellschaftlichen Beitrag zu Gunsten eines Lösungsansatzes:Zusammen mit anderen Geschäftsleuten engagieren wir uns finanziell & mit unserer Zeit (bis zu 3 Mt. pro Jahr) in Afrika & Vorderasien.Dabei versuchen wir, Menschen vor Ort zu helfen,sie auszubilden & ihnen eine Existenz & einen Selbstwert zu vermitteln.Wir arbeiten vorwiegend in eigenen Projekten oder mit NGO's.Und nun bitte ihr Beitrag zur Lösung!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      Das gibt ihnen trotzdem nicht das Recht, andere ständig in herablassender Art zu kritisieren. Ich bin Kein Geschäftsmann und kann mir vor Ort nur Menschen aussuchen, denen ich helfen möchte. Aber da ich nach Ihren Worten, Flüchtlinge wie Tiere behandele, ist und bleibt das meine pers. Angelegenheit.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Niklaus Bächler (SVP-Hinterfrager)
      Liebe Ch.Wüstner,sie müssen nicht weg fahren.Rufen sie auf dem Migrationsamt an,fragen sie dort,ob sie einmal einem Flüchtling ein nettes Abendessen kochen dürfen. Sprechen sie mit diesem Menschen 1:1. Wir tun dies auch & ich darf ihnen sagen,sie bekommen aufeinmal eine andere Optik, wenn sie die Menschen personifiziert & in Fleisch und Blut gegenüber haben. Hören sie zu, was die Menschen zu erzählen haben.Das wirkt Wunder! Mehr als das Parteiblättchen einer SVP, glauben sie mir! mind changing!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von robert mathis (veritas)
      Herr N.Bächler Ihr Engagement in Ehren aber das tun viele Menschen ohne es immer wieder den "schlechteren Menschen "in Erinnerung zu rufen.Ich kenne mehrere Aerzte und Krankenschwestern die ihre ganzen Ferien zur Verfügung stellen um in Afrika oder Asien zu helfen die haben das noch nie veröffentlicht.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    4. Antwort von Niklaus Bächler (SVP-Hinterfrager)
      Robert Mathis, dafür darf jeder, der gegen die Migranten, Asylanten & Flüchtlinge wettert, dies an die «sogenannte gross Glocke» hängen! - Glauben sie mir, es ist höchste Zeit, endlich Position zu beziehen & gegen diese Miesmacher anzutreten. Und, es entspricht unserem Zeitgeist, dass man «Gutes» nicht hören will, dafür das «Negative» täglich mehrmals wiederholen soll. Verstanden, was ich hier zum Ausdruck bringen möchte?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    5. Antwort von Henri Jendly (Henri Jendly)
      @Wüstner: wenn ich das richtig überschaue, schreibt die Mehrheit hier grundsätzlich gegen alles und jeden. Sobald ein Pro EU - Artikel, ein Problem mit Flüchtlingen, ein negativer Bericht über die reaktionären bürgerlichen Kreise etc. erscheint, geht das Bashing gegen die Medien, die sozial Verantwortungsbewussten, die sog. "Gutmenschen" los. Einige Wenige wehren sich dagegen, setzen auch positive Punkte - und dann geht erst richtig los. Viele hier schreiben nur ihren Frust von der Seele!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen