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Corona in Italien – Das Drama des Nordens könnte auch uns blühen
Aus Puls vom 16.03.2020.
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Italiens überlastete Spitäler «Es ist eine sehr schlimme Krankheit, nicht einfach eine Grippe»

Die Situation in der Lombardei in Norditalien ist alarmierend: Über 20'000 Infizierte, darunter mehr als 9'000 Menschen zu Hause in Selbstisolation, über 1'600 Patienten in den Intensivstationen. Überfüllte Intensivstationen, reihenweise beatmete Patienten.

Ärztinnen und Ärzte appellieren an Kollegen, bitten um Hilfe und ermahnen die Menschen, zu Hause zu bleiben. Das Spitalpersonal arbeitet bis zur totalen Erschöpfung. Trotzdem stösst es seit Tagen an seine Grenzen. Italiens Gesundheitssystem ist überfordert. Das Drama könnte auch uns blühen. Intensivmediziner Giacomo Grasselli gibt einen Einblick.

Giacomo Grasselli

Giacomo Grasselli

Koordinator aller Intensiv-Betten in der Lombardei.

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Der Intensivmediziner Giacomo Grasselli ist einer der wichtigsten Menschen in Nord-Italien im Kampf gegen das Coronavirus. Er koordiniert sämtliche Intensiv-Betten in der Lombardei.

SRF News: Wie ist die aktuelle Situation vor Ort? Bekommen noch alle Patienten, eine intensivmedizinische Behandlung, die eine benötigen?

Giacomo Grasselli: Bis heute konnten wir noch für alle Patienten, die es brauchten, ein Bett in der Intensivstation finden und ihnen Beatmungsgeräte geben. Aber die Situation ist kritisch. Wir stehen unter grossem Druck, denn die Patientenzahlen steigen noch an. Unsere Kapazitäten sind aber ausgereizt.

Wir hatten in der Lombardei zu Beginn etwa 800 Intensiv-Betten. In den letzten drei Wochen haben wir aber in unseren Intensiv-Abteilungen insgesamt 1200 Patienten behandelt. Manche sind bereits entlassen, andere sind gestorben. Aber wir haben im Moment immer noch etwa 970 Patientenauf den Stationen, sind also weit über den Kapazitäten.

Die Situation ist kritisch. Wir stehen unter grossem Druck, denn die Patientenzahlen steigen noch an.
Autor: Giacomo GrasselliIntensivmediziner

Was würden Sie denn der Schweiz raten zu tun? Wir haben ja ähnliche Kapazitäten und Standards, wie die Lombardei, als alles begann.

Das Wichtigste ist es, bereit zu sein, dass sich das Virus weiter ausbreitet. Wichtig ist, die Intensiv-Betten-Kapazität hochzufahren. In jedem Spital Intensiv-Betten zu finden, wo man die Patienten isolieren kann.

Und dann muss man das Personal trainieren, wie die ganze Schutzausrüstung zu benützen ist. Das ist extrem wichtig.

War das ein Problem bei Ihnen? Kam es zu Ansteckungen im Gesundheitspersonal?

Ja natürlich, wie überall auf der Welt. Dieses Virus trifft leicht auch jene die im Gesundheitswesen arbeiten. Die Todesrate ist zwar viel tiefer im Gesundheitswesen als in der allgemeinen Bevölkerung, aber wenn viele angesteckt werden, fallen sie auf den Intensivstationen aus.

Gibt es auch immer mehr jüngere Patienten?

In den ersten 10 Tagen sahen wir vor allem alte Menschen auf den Intensivstationen. Jetzt sehen wir solche, die in den Achtziger- oder Siebzigerjahren geboren wurden. Also 30 bis 50-jährige.

In den Intensivstationen sehen wir jetzt auch solche, die in den Achtziger- oder Siebzigerjahren geboren wurden.
Autor: Giacomo GrasselliIntensivmediziner

Hatten sie zuvor denn Gesundheitsprobleme?

Nein, die Jungen hatten vorher keine Gesundheitsprobleme. Wir haben zwar noch keine genauen Daten, das sind einfach Beobachtungen. Aber die meisten sind männlich. Übergewicht und Bluthochdruck sind verbreitet.

Wie geht es den Ärzten und Pflegepersonen? Sie stehen seit Wochen unter einem immensen Druck. Können Sie noch weitermachen?

Wir müssen. Wir haben gar keine Wahl. Es ist extrem stressig und belastend. Nicht nur wegen der Arbeit, den vielen Patienten. Sondern auch, weil man unter sehr schwierigen Bedingungen arbeiten muss. Die Schutzkleidung kann Leben retten, ist aber sehr unbequem. Und dann haben wir auch Angst, unsere Familien anzustecken. Manche gehen gar nicht mehr nach Hause.

Ich selber habe meine Kinder seit drei Wochen nicht mehr gesehen. Auch meine Eltern. Es ist ein extremer Stress. Nicht nur wegen der Anzahl Patienten. Ihnen zuschauen zu müssen, wie sie leiden Tag und Nacht. Die Situation ist psychologisch und auch physisch stressig. Es ist wirklich eine sehr schlimme Krankheit. Nicht einfach eine Grippe, wie viele immer noch sagen.

Das Interview führte Daniela Lager.

Puls, 16.03.2020, 21:05 Uhr; Jacqueline Schwerzmann

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59 Kommentare

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  • Kommentar von Sebastian Demlgruber  (SeDem)
    Ich finde es sehr wichtig, dass die Medien - so wie in diesem Beitrag vorbildlich geschehen - medizinische Fachpersonen berichten lassen, die wirklich direkt an vorderster Front mit der Coronakrise zu tun haben. Das ist bedeutsam, um all jenen Halb- und Nichtwissenden sowie bewussten Informationschaoten mit Fakten entgegenzutreten, die immer noch behaupten, man könne Corona „auch anders sehen“ und es gebe da „viele Meinungen“. Nein, gibt es nicht. Bleibt daheim, bleibt allein, bleibt gesund.
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  • Kommentar von Haller Hans  (H.Haller)
    Zu diesem Thema, wen es wie und wie heftig betrifft, gibt es sehr unterschiedliche Berichte und Stellungnahmen. Ich denke, nicht die Medien, sondern eine Fachstelle mit wirklichen medizinischen Wissen, nicht nur Kenntnisse, wäre da sicherlich geeigneter sich darüber zu äussern. - Bei aller Medienfreiheit, aber in jüngster Zeit ist deren Glaubwürdigkeit doch eher durch ideologische Weltanschauungen und Gesinnungs-Journalismus in Schieflage geraten.
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    1. Antwort von Samuel Müller  (Samuel Müller)
      „Claas Relotius“ ist kein Einzelfall. Das Problem wächst schon länger aus dem enormen Leistungsdruck auf Nachwuchsjournalisten.
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  • Kommentar von Mike Baumgartner  (Mike47)
    Offenbar befällt das Coronavirus nun auch jüngere, gesunde Menschen, die dann auf der Intensivstation in Italien im Sterben liegen. So mein Eindruck dieses Beitrags. Kann sich der Virus also in der Kürze schon so verändert haben, dass er nun auch für die Jungen und Gesunden extrem lebensbedrohlich ist? (Es werden zwar keine Zahlen genannt, wieviele Junge auf der Intensivstation liegen. Statistisch gesehen wohl eher nur ganz wenige? Wieder ein Beitrag der bewusst Angst machen soll?)
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    1. Antwort von Reto Camenisch  (Horatio)
      Es hat sich nicht verändert, sondern die Jüngeren haben normalerweise ein stärkeres Immunsystem als die Aelteren. Einzig, auch bei denen ist es unterschiedlich: Diabetes, Bluthochdruck und chronische Krankheiten sind Faktoren, welche eine Ansteckung mit Folgen hervorrufen.
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