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International Janukowitschs bezahlte Demonstranten

Die Proteste in der Ukraine gegen Präsident Janukowitsch gehen weiter. Doch auch der Präsident selber beruft seit zwei Wochen eigene Demonstranten in die Hauptstadt Kiew: Sie versammeln sich nahe dem Marinskiy-Park. Sie wettern gegen alle, die den Präsidenten zum Rücktritt zwingen wollen.

Janukowitschs Befürworter mit blauen Fahnen und Schildern mit dem Portrait des Präsidenten.
Legende: Janukowitschs Befürworter schieben Demonstrations-Schichten beim Marinskiy-Park. Reuters

Der zentralen Forderung der Opposition – sein eigener und der Rücktritt der Regierung – will der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch nicht nachkommen. Stattdessen rief seine «Partei der Regionen» am Wochenende ihre Anhänger auf die Strassen.

Fast 60'000 Menschen wurden aus den Regierungshochburgen im Osten und Süden des Landes mit Bussen und Sonderzügen in die Hauptstadt gebracht.

Unter dem Motto «Retten wir die Ukraine – unser gemeinsames Vaterland» oder «Janukowitsch – wir sind bei dir» verstärkten sie für zwei Tage jene Demonstranten, die seit Beginn der Proteste nahe dem Marinskiy-Park Tag für Tag ihren Unmut gegen die Proteste auf dem Maidan zum Ausdruck bringen. Doch was sind das eigentlich für Menschen, die dort für die Regierung und Präsident Janukowitsch demonstrieren?

«Nach Russland fahren wir jedes Jahr»

Weitgehend unbeachtet von den internationalen Medien wiederholt sich am Marinskyi-Park, am Platz vor dem Parlament, seit zwei Wochen jeden Morgen das gleich Ritual. Punkt acht Uhr marschieren hier Gegendemonstranten in ein eingezäuntes und von der Miliz bewachtes Areal. Sie schwingen Fahnen, rollen Transparente aus. Darauf: Losungen gegen die EU und den Ausverkauf der Heimat.

Journalisten sind bei diesen Demonstranten nicht gern gesehen. «Wir sind gegen die Europäische Union», sagt ein etwa vierzigjähriger Mann. «Wozu brauchen wir die? Wir sind doch hier alle zufrieden.» Dann fügt er einschränkend hinzu: Also zumindest er sei mit allem zufrieden. «Wir waren noch nie in Europa», sagt ein anderer in einer Lederjacke. «Nach Russland aber fahren wir jedes Jahr.» Dann verschwindet er in der Menge. Ganz anders als auf dem Maidan-Platz will hier niemand Fragen beantworten.

Die Mehrheit der Leute auf dem eingezäunten Platz scheint nicht freiwillig hier zu sein. Nur zugeben, will das keiner der Anti-Maidan-Demonstranten. Am Rand der Masse steht eine Gruppe Jugendlicher, die mit den Füssen eine Plastikflasche hin- und herkickt. Einer von ihnen rückt dann doch mit der Sprache heraus. Ist doch klar, warum die Leute hier seien – um Geld zu verdienen.

13 Franken für acht Stunden Protest

Wie findet man denn Arbeit als Demonstrant? «Ich habe das im Internet gefunden», sagt er. Da habe es diese Anzeigen gegeben, das man zum Marinskyi-Park kommen solle. Da sei ihm gleich klar gewesen, worum es ging.

Die Aussage beweist, was bisher nur als Gerücht kursierte. Janukowitschs «Partei der Regionen» heuert Demonstranten über das Internet an. Nur wenige wären sonst bereit, für die Annäherung an Russland und Janukowitschs Anti-EU-Kurs zu demonstrieren.

120 Hrywnija, umgerechnet knapp 13 Franken, bekäme er für acht Stunden Anti-Maidan-Protest, verrät der junge Mann. Wer über Nacht hierbleibe, kriege schon mal das Doppelte. Die Regel ist offenbar, wer früher das umzäunte Areal verlässt, wird registriert und bekommt kein Geld.

Gegen 16 Uhr ist der Spuk vorbei. Die Mehrheit der bezahlten Demonstranten verschwindet auf die gleiche Weise, wie sie am Morgen gekommen ist – in Kolonnen, die sich hinter der nächsten Ecke auflösen wie eine Nebelerscheinung. Am nächsten Morgen um acht werden sie wieder hier sein.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von G.Riedo, Bern
    EU oder Russland. Das ist nicht leicht, aber beide Mächte sind zentralgesteuerte Monster, welche ihren Einfluss und ihre Macht ausweiten wollen um jeden Preis. Es geht schon lange nicht mehr um die Bürger sondern nur um Macht. Einen dritten Weg hat leider noch keiner eingeschlagen und dass wäre eine Unabhängigkeit von Beiden anzustreben. Und ob Herr Klitschko gut daran tut gerade die verhassten Deutschen um Hilfe zu bitten ist mehr als fraglich. Es geht ihm bestimmt auch nur um Macht denke ich.
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    1. Antwort von Tom Sawyer, Geneve
      Genau Hr. Riedo! Die Regierung in Kiew ist fragwürdig. Aber gewählt. Und bei den nächsten Wahlen wird man sehen.Die Berichterstattung hier ist einseitig. Diese Bewegung ist Hartnäckig aber nicht so stark wie die Orangene vor 10 Jahren.Sie greift nicht übers ganze Land.Die Bürger haben keine Hoffnung mehr in die Politiker.Auch nicht in Klitschko .Die EU macht wie meistens alles falsch. Sie ist nicht das Allerheilmittel für die Ukraine.Die muss ihren Weg selber finden. Möge es der richtige sein.
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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    "Nach Russland fahren wir jedes Jahr." So lautet die Aussage der Janukowitsch-Anhänger. Das ist auch logisch, weil Russland viel näher liegt und weil die Ukrainer dorthin und nach Weissrussland mit dem blossen Zeigen eines Passes reisen können. Für Westeuropa braucht es dagegen immer noch einen enormen Aufwand, obwohl es schon seit Jahren möglich ist, in die Ukraine ohne Visum einzureisen. Zudem gehört die Ukraine in den Augen der meisten Russen immer noch zu einer "Sicherheitszone".
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  • Kommentar von Walter Staub, Schwerzenbach
    Nicht ganz unverständlich, dass die Ukrainer in der Meinung gespalten sind, ob sie sich lieber für die Pest oder die Cholera entscheiden sollen.
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    1. Antwort von Dimitri Wonnoque, Nischni Nowgorod, Russland
      Super gesagt. Ich halte aber die Annäherung an die EU für eine bessere Lösung, schließlich war die Ukraine sowieso schon längst in der Koalition mit Russland und das hat augenscheinlich kein Nutzen gebracht. Einmal den europäischen Weg einzuschlagen, um mindest in Erfahrung zu bringen, was besser ist, wird wohl der Ukraine zustattenkommen. Nur dass der eigentliche EU-Beitritt sogar im besten Fall nicht in naher Zukunft erfolgt. Bis dahin wird die Ukraine einen harten Existenzkampf weiter führen.
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