«Japan will keine kulturfremden Menschen aufnehmen»

Japan nimmt im Schnitt gerade Mal 19 Flüchtlinge pro Jahr auf. Die Japaner wollen keine Fremden im Land: Zu teuer kämen diese, zu klein sei der Nutzen. Dafür gehört Tokio zu den grosszügigsten Geldgebern bei der Entwicklungs- und Flüchtlingshilfe in Krisenregionen.

Männer paradieren mit japanischen Flaggen auf einer Strasse. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Japaner haben eine diffuse Angst vor den Fremden. (Anhänger der nationalistischen Bewegung «Ganbare Nippon»). Reuters

Japan lässt kaum Flüchtlinge und Asylbewerber ins Land. Stattdessen will sich die Regierung jetzt mit mehr als 800 Millionen Dollar an der Unterstützung von Flüchtlingen aus Syrien und Irak beteiligen. Der in Tokio lebende Journalist Martin Fritz erklärt im Interview, weshalb die Japaner lieber unter sich bleiben wollen.

SRF News: Ist das japanische Angebot «Geld statt Asyl» eine Art Ablasshandel?

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Martin Fritz

Martin Fritz

Der Journalist Martin Fritz arbeitete als Radio-Korrespondent für die ARD in Tokio. Als freier Journalist berichtet er auch über Nord- und Südkorea. Vorher war er fünf Jahre lang Südasien-Korrespondent in Neu-Delhi. Er hat Politik in Münster, Los Angeles und London studiert.

Martin Fritz: Genau darum geht es. Japan verfolgt diese Politik schon seit Jahren. Zwar ist das Land nach den USA der grösste Geldgeber für das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, nimmt selber aber so gut wie keine Flüchtlinge auf.

Letztes Jahr wurden von 5000 Asylanträgen gerade einmal deren 11 bewilligt, Nun hat Premier Shinzo Abe sogar noch eine Verschärfung des Asylrechts angekündigt. Warum fährt Japan einen derart harten Kurs in der Asylpolitik?

Man denkt ökonomisch und will die Probleme vermeiden, die mit der Aufnahme und Integration von kulturfremden Menschen verbunden sind. Dies bringe hohe Kosten und wenig Nutzen für die Gesellschaft, lautet das japanische Kalkül. Es gibt in Japan allerdings auch viele Kritiker der zuweilen grausamen Asylpolitik. So wird, wer in Japan einen Asylantrag stellt, in einer Art Gefängnis gehalten. Letztes Jahr starben dort zwei Asylbewerber, dabei könnte die mangelnde ärztliche Versorgung eine Rolle gespielt haben. Es gibt auch keine Möglichkeit der individuellen Beschwerde für Asylbewerber. Japan macht es Flüchtlingen also richtig schwer.

Wie viele anerkannte Flüchtlinge gibt es derzeit denn in Japan?

In den letzten 33 Jahren hat Japan insgesamt 633 Flüchtlingen Asyl gewährt. Im Schnitt sind das 19 pro Jahr. Letztes Jahr kamen 60 Syrer nach Japan, dreien von ihnen wurde Asyl gewährt. Die Anträge von 30 der Syrer wurden abgelehnt. Sie dürfen zwar in Japan bleiben, müssen aber ständig um ihre Aufenthaltsgenehmigung fürchten und dürfen nicht arbeiten. In Japan ist Krieg – wie übrigens auch in vielen anderen Ländern – kein Asylgrund. Wer nicht nachweisen kann, dass er individuell wegen seiner Religion, Rasse oder aus politischen Gründen verfolgt wird, dessen Asylantrag wird abgelehnt.

Läuft Japan nicht Gefahr, dass das Land mit seiner harten Asylpolitik international isoliert wird?

In der Tat: Japan stand immer wieder unter grossem Druck des UNHCR, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Doch in der aktuellen Flüchtlingskrise befindet sich Japan ja in guter Gesellschaft: Auch viele Länder in Europa machen ihre Türen zu. Andererseits will Japan nicht als herzlos erscheinen. Es ist denn auch kein Zufall, dass Premier Abe die 800 Millionen Dollar für die aktuelle Flüchtlingskrise an der UNO-Vollversammlung in New York angekündigt hat.

Wird der restriktive Asylkurs der Regierung von den Japanern unterstützt?

Der normale Japaner denkt über diese Fragen gar nicht nach. Man lebt hier auf Inseln in Asien, der Nahen Osten ist weit entfernt. Entsprechend wenige Flüchtlinge kommen nach Japan.

Wie steht es denn mit Flüchtlingen aus dem asiatischen Raum wie etwa aus Burma? Zeigen die Japaner hier mehr Solidarität?

In Japan sind Flüchtlinge generell nicht willkommen. Es gibt auch sonst fast keine Ausländer. Japan hat den kleinsten Ausländeranteil von allen Industrieländern, er beträgt weniger als zwei Prozent – und dabei handelt es sich meist um Koreaner, die oftmals seit Generationen hier leben. Die fallen gar nicht auf. In Tokio ist man als Ausländer zwar keine aussergewöhnliche Erscheinung. Sobald man aber die grossen Städte verlässt, kommen die kleinen Kinder und zeigen einem auf die Nase. Sie wundern sich, warum die Nase dieses weissen Mannes so lang ist.

Ist vor allem die Angst vor kulturfremden Menschen Antreiber der japanischen Asylpolitik oder ist es auch die Angst vor wirtschaftlicher Konkurrenz?

So weit wird gar nicht gedacht. Man ist sich in Japan das Fremde einfach nicht gewohnt. Schon ich als Weisser falle auf dem Lande auf, dunkelhäutige Menschen kennt man nur aus dem Fernsehen. Es ist eher ein diffuses Unbehagen vor dem Fremden, Unbekannten.

Das Gespräch führte Marlen Oehler.