«Jeder Schotte weiss, worum es geht»

In sechs Wochen stimmen die Schotten über die Unabhängigkeit ab. Banken und EU warnen vor einem Ja, dennoch holen die Befürworter auf. SRF-Korrespondent Martin Alioth erklärt, warum.

Schottische Flagge in Edinburgh Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Weht die schottische Flagge bald alleine? Am 18. September stimmen die Schotten über die Unabhängigkeit ab. Keystone

SRF News Online: In rund sechs Wochen stimmen die Schotten darüber ab, ob Schottland in Zukunft unabhängig sein soll. Was sagen die jüngsten Prognosen: Wer wird die Abstimmung gewinnen?

Martin Alioth: Die Unionisten, also die Gegner der Unabhängigkeit, sind nach wie vor in Führung. Doch es ist ein sehr knappes Rennen: Der Vorsprung der Unionisten hat sich in den letzten sieben Monaten verringert. Je nach Umfrage werden bis zu 47 Prozent der Schotten für die Unabhängigkeit stimmen. Für einen Sieg reicht das also nicht. Allerdings ist die Motivation, abstimmen zu gehen, bei den Separatisten grösser.

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Entscheidung am 18. September

Am 18. September stimmen die Schotten in einem Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands ab. Die britische Regierung in London hat zugesagt, das Ergebnis zu akzeptieren. Schottland ist seit 307 Jahren Teil von Grossbritannien.

Wie sehr interessiert sich der normale Stimmbürger für die Debatte um die Unabhängigkeit?

Das Interesse ist enorm: Es wird eine Stimmbeteiligung von rund 80 Prozent erwartet. Jeder in Schottland weiss, was auf dem Spiel steht. Das liegt auch an der erfolgreichen Kampagne der Separatisten: Alex Salmond von der Scottish National Party (SNP) schafft es, die Leute zu erreichen. Zudem ist er seinen Gegnern turmhoch überlegen.

Wie zeigt sich das?

Salmond hat es geschafft, das Referendum als positive Herausforderung darzustellen. Er präsentiert die Unabhängigkeit als Abenteuer und sagt den Schotten: Probieren wir das! Währenddessen argumentiert die Nein-Kampagne mit negativen Szenarien: Falls ihr Ja stimmt, passiert dies und das. Da passt es, dass sie auch beim Auswählen des Anführers kein gutes Händchen hatten. Sie haben sich ausgerechnet für Alistair Darling entschieden, der bis 2010 Schatzkanzler war – und als solcher mitverantwortlich für die Finanzkrise. Nicht eben der beste Leistungsausweis.

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Martin Alioth

Porträt Martin Alioth

Der Grossbritannien- und Irland-Korrespondent von Radio SRF lebt seit 1984 in Irland. Er hat in Basel und Salzburg Geschichte und Wirtschaft studiert.

Unabhängig vom Ausgang der Abstimmung dürften sich die Separatisten als Sieger sehen.

Ja, denn eines haben bereits erreicht: Alle drei grossen Parteien in London – Labor, Tories und die Liberal Democrats – räumen den Schotten ein grösseres Recht auf Selbstbestimmung ein. Auf diese Weise hofft die britische Regierung, den Separatisten den Wind aus den Segeln zu nehmen. Allerdings sind auch die Befürworter eines eigenständigen Schottlands nicht mit all ihren Forderungen durchgekommen.

Wie das?

Anfangs hatten die SNP und Salmond drei Forderungen gestellt. Erstens wollten sie eine Republik gründen und somit aus dem Königreich austreten. Das ist nicht mehr aktuell; heute soll die Queen Staatsoberhaupt bleiben. Zweitens wollte die SNP den Euro statt das Pfund einführen – auch das ist nicht mehr allzu populär. Und drittens forderte die SNP den Austritt aus der Nato. Davon ist heute ebenfalls keine Rede mehr. So musste die SNP ihr radikales Programm anpassen, um beim Volk überhaupt eine Chance auf Erfolg zu haben.

EU-Kommissionspräsident Barroso hatte damit gedroht, dass ein Beitritt eines unabhängigen Schottlands zur EU «extrem schwierig» wäre. Was für einen Einfluss hat die Haltung der EU auf den Abstimmungskampf?

Die EU spielt eine Rolle, nur sind die Vorzeichen umgekehrt. Der britische Premier David Cameron hat den Briten versprochen, 2017 über den Austritt der EU abzustimmen. Die Schotten sind aber grundsätzlich pro-europäisch. Sollten die Briten den Austritt aus der EU beschliessen, könnten die Schotten also wider Willen auch aus der EU ausgeschlossen werden. Die Separatisten argumentieren deswegen paradoxerweise, dass ein Ja zur Unabhängigkeit auch ein Ja zum Verbleiben in der EU bedeutet.

Würde ein Ja zur Unabhängigkeit nicht auch Nachteile mit sich bringen?

Was die Steuern betrifft, wäre der Unterschied nicht gross: Schottland erhält heute pro Kopf mehr Steuergelder als England. Diese Quelle würde wegfallen. Im Gegenzug hätte Schottland Anspruch auf rund 90 Prozent der Öleinnahmen, die auf schottischem Territorium anfallen. Dennoch würde die Abspaltung einige Branchen hart treffen. Ein Problemkind ist der Rüstungssektor, der in Schottland ein wichtiger Arbeitgeber ist. So ist es schwer vorstellbar, dass im Falle einer Abspaltung die Royal Navy ihre Schiffe weiterhin im schottischen Glasgow bauen lässt.

Welche Rolle spielen wirtschaftliche Überlegungen in der ganzen Debatte?

Eine grosse. Beide Lager versuchen, die Stimmbürger mit Zahlen auf ihre Seite zu ziehen. Die Unionisten sagen, die Unabhängigkeit führe dazu, dass pro Einwohner 1400 Pfund pro Jahr fehlen werden. Die Separatisten wiederum behaupten, dass 1000 zusätzliche Pfund zur Verfügung stehen würden. Meiner Meinung nach ist beides Scharlatanerie – die wirtschaftlichen Konsequenzen vorherzusagen, ist schlicht nicht möglich.

Wie stehen schottische Firmen zur Abstimmung?

Die Unternehmen sind grösstenteils gegen die Fusion. So haben grosse Banken damit gedroht, wegzuziehen. Das wäre für Schottland allerdings nicht nur schlecht. Denn wie das Land 2008 überrascht feststellen musste, hat es einen völlig überdimensionierten Bankensektor, verglichen mit der Grösse der Wirtschaft. Im Zuge der Finanzkrise musste die Royal Bank of Scotland von britischen Steuerzahlern gerettet werden – alleine hätte Schottland das nicht vermocht. Das hat den Schotten vor Augen geführt, dass die Mitgliedschaft in der Union auch Vorteile haben kann.