Nach Anschlag von Manchester Jeremy Corbyns riskantes Manöver

Nach dem Unterbruch des Wahlkampfs begibt sich der britische Oppositionsführer auf dünnes Eis – mit einer heiklen Rede über Terror, seine Bekämpfung und seine Ursachen. Eine Analyse.

Drei Tage lang pausierte der britische Wahlkampf aus Respekt vor den grossteils jungen Opfern des Terroranschlags von Manchester und deren Angehörigen.

Heute stürzte sich Jeremy Corbyn wieder ins Getümmel. Während in Manchester weitere Razzien stattfanden und Gerüchte über weitere Bomben zirkulierten, meldete sich der Vorsitzende der Labour-Partei in London zu Wort:

«  We must be brave enough to admit that the war on terror is not working. »

Es brauche Mut, zuzugeben, dass der Krieg gegen den Terror gescheitert sei, sagte Corbyn in seiner Rede. Der Anblick von Soldaten auf britischen Strassen sei ein Hinweis darauf, dass der geltende Ansatz nicht sehr gut funktioniere.

Was müsste sich nach Corbyns Meinung ändern?

Um die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten, brauche es Massnahmen, die den Terror bekämpften, anstatt ihn zu nähren. Dafür sei es wichtig, dass man die Ursachen des Terrors genau verstehe, erklärte der Oppositionschef:

«  An informed understanding of the causes of terrorism is an essential part of an effective response that fights rather than fuels terrorism. »

Zahlreiche Experten hätten die ursächliche Verknüpfung zwischen Kriegen, in denen britische Truppen fochten – beispielsweise in Libyen – und Terroranschlägen auf britischem Boden herausgestrichen, sagte Corbyn:

«  Experts have pointed out the connections between wars that we've been involved in and fought in other countries such as Libya and terrorism here at home. »
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Martin Alioth

Porträt Martin Alioth

Der Grossbritannien- und Irland-Korrespondent von Radio SRF lebt seit 1984 in Irland. Er hat in Basel und Salzburg Geschichte und Wirtschaft studiert.

Das ist eine durchaus salonfähige These. Aber Corbyn spielt mit dem Feuer, wenn er diese Kausalbeziehung vier Tage nach dem blutigsten Terroranschlag auf britischem Boden seit zwölf Jahren heraushebt – und der Selbstmordattentäter aus Libyen stammt.

Corbyn erteilte militärischen Interventionen im Ausland folgerichtig eine Absage. Er wandte sich direkt an das britische Militär: Unter seiner Führung müsse die Notwendigkeit für einen Einsatz gegeben und ein langfristig friedliches Resultat gewährleistet sein.

«  Under my leadership you will only be deployed abroad when there is a clear need and secure an outcome that delivers lasting peace. »

Wie sähe Corbyns eigene Terrorabwehr aus?

Die Ausgabenkürzungen für die Notfalldienste und die Polizei würden rückgängig gemacht, die Sparpolitik müsse vor der Notaufnahme der Spitäler und vor dem Polizeiposten enden. Erneut: Das sind ehrenwerte Anliegen und Argumente.

«  We will reverse the cuts on our emergency services and police, austerity has to stop at the accident and emergency ward and on the police station door. »

Doch der Vorwurf, dass die konservative Regierung mittelbar für den Anschlag in Manchester verantwortlich sei und dass die Budgetkürzungen seit 2010 zum Blutvergiessen beitrugen, wird bei den grundsätzlich interventionsfreudigen und patriotischen britischen Wählern nicht auf uneingeschränkten Applaus stossen.

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